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Beyer und IWC: Und plötzlich ist Leben

Der neue IWC-Chef Christoph Grainger-Herr hat René Beyer nach London eingeladen, wo die beiden einige Gemeinsamkeiten entdecken.

Christian Lattmann tritt lachend ins Foyer des Kunsthistorischen Museums von Neuenburg und putzt sich den Schnee von den Schuhen: «Meine Mitarbeiter haben mir gesagt, ich soll mich frühlingshaft kleiden, und nun das!» Es ist Anfang März und Neuenburg nach einem letzten Aufbäumen des Winters weiss gezuckert. René Beyer steht die Freude über die überraschende Schneepracht spitzbübisch ins Gesicht geschrieben: Alles anders als geplant – das ist ganz nach seinem Geschmack.

Sie treffen sich zum ersten Mal, der 48-jährige Geschäftsführer der Uhrenmarke Jaquet Droz und der 55-jährige Inhaber des ältesten Uhrenfachgeschäfts der Welt. Und sie verstehen sich auf Anhieb. Ebenso humorvoll wie eloquent fachsimpeln sie über die drei legendären Androiden, die Pierre Jaquet-Droz und Sohn Henri-Louis zwischen 1768 und 1774 angefertigt haben; sie gelten als die Vorläufer der Roboter. Schon damals sollen sie Menschen rund um den Globus in Staunen versetzt haben. So sehr, dass viele mit Kutschen in den fernen Jura fuhren, um sich die Automaten anzusehen. Es heisst, in der Nähe der Werkstätten habe es oft kein Durchkommen mehr gegeben. Heute gelten die musischen «drei Androiden» als die berühmtesten, raffiniertesten und kostbarsten der Geschichte.

Immer wieder kommt das Gespräch auch auf die Puppenautomaten, die Beyers Mutter sammelte und die heute nach Voranmeldung zugänglich sind. Doch was Lattmann und Beyer in wenigen Minuten erwarten wird, ist von einer anderen Dimension. Und vor allem ein seltenes Vergnügen. Zwar lädt das Kunsthistorische Museum einmal im Monat zur öffentlichen Vorführung seiner berühmtesten Bewohner, doch in den Genuss einer Privatvorstellung kommt man selten. Das Museum hat für Beyer und Lattmann extra seine Türen geöffnet und Thierry Amstutz aufgeboten: Der Restaurator ist der Einzige, der die Puppen zum Leben erwecken darf. «Selbst für mich sind das exklusive Momente, wenn sie sich wie von Zauberhand bewegen und zu schreiben beginnen», sagt er. 

Noch sitzen die drei kindlichen Wesen in ihrer höfischen Kleidung regungslos da. Der Schreiber hält seinen Federkiel über dem Tintenfass und starrt ins Leere. Auch der Zeichner wirkt wie eingefroren. René Beyer bricht die spannungsgeladene Stille: «Da – die Organistin! Sie atmet!» Tatsächlich: Unter ihrem hellen Kleid hebt und senkt sich ihre Brust fast unmerklich, gerade so, dass der Betrachter zusammenzuckt und das Gefühl bekommt, in der Puppe stecke tatsächlich Leben.

Betörend raffiniert: Restaurator Thierry Amstutz erklärt Beyer und Lattmann den Mechanismus des Schreibers.

Lebensechte kleine Macken.

«Es waren genau diese Effekte, die Vater und Sohn Jaquet-Droz so meisterhaft beherrschten», erklärt Thierry Amstutz. «Ihre Androiden vermochten nicht einfach nur eine Tätigkeit auszuführen wie Schreiben, Zeichnen und Musizieren. Da war immer auch ein unerwartetes Element, welches das Publikum stutzig machte und es verunsicherte, ob da nicht doch Leben unter den Kleidchen schlummert.» Amstutz zieht eine Figur nach der anderen auf und setzt sie in Bewegung. Der Schreiber tunkt seine Feder vor jedem Wort in die Tinte, schüttelt die Tropfen ab und führt die Spitze bedächtig übers eingespannte Papier. Seine Augen folgen aufmerksam der rechten Hand und blinzeln gelegentlich. Der Zeichner wiederum bewegt einen Bleistift und denkt immer wieder daran, den Grafitstaub vom Papier zu pusten, um nichts zu verschmieren. Das Klappern der Finger der Organistin hingegen macht deutlich, dass hier eine Maschine am Werk ist. Wären da nicht ihre wachen Augen, das Atmen … Fast gespenstisch mutet sie an, diese Figur zwischen Maschine und Mensch. René Beyer ist gerührt: «Schon als Kind waren diese Androiden bei uns zu Hause ein grosses Thema. Ich hab sie zwar während der Handelsschule in den 80ern mal in Aktion gesehen. Aber niemals so nah, so exklusiv. Es ist ein wunderbarer Moment für mich!»

Der Zeichner pustet den Grafitstaub vom Papier, die Organistin spielt verschiedene Melodien

Herzensheimat La Chaux-de-Fonds.

Christian Lattmann freut sich. Er hat sich lange überlegt, wie er Beyer beeindrucken könnte, schliesslich hat er schon viel von ihm gehört: «Für mich ist es eine besondere Ehre, den Mann zu treffen, dessen Uhrengeschäft zur selben Zeit gegründet wurde, in der die Familie Jaquet Droz hier im Jura ihre mechanischen Wunder produzierte.» Lattmann ist von Beyers Enthusiasmus angetan und möchte ihm ein paar Orte oben in La Chaux-de-Fonds zeigen, die ihm am Herzen liegen. Die Stadt auf 1000 Metern ist ja nicht nur der Standort von Jaquet Droz, sondern auch die Herzensheimat von René Beyer. Er hatte hier zwei Jahre gelebt, bevor er unverhofft früh das elterliche Geschäft übernehmen musste. «Ich verbinde diese Region immer noch mit meiner Jugend – wahrscheinlich fühle ich mich hier darum so lebendig.» 

Auf der Fahrt fasst Lattmann die Philosophie von Jaquet Droz zusammen: «Marken wie Breguet betonen ihre Kompetenz im Bau möglichst präziser und komplexer Uhrwerke. Wir wollen das Gefühl beim Kunden wecken, das Jaquet Droz schon im 18. Jahrhundert hervorrief: diesen Moment des kindlichen Erstaunens, wenn eine Maschine plötzlich etwas tut, das man nur von einem lebendigen Organismus erwarten würde.» Nicht umsonst gelten die Preziosen von Jaquet Droz als die verspieltesten aller Qualitätsuhren.

Alarm!

Lattmann führt seinen Besuch auf das höchste Gebäude von La Chaux-de-Fonds, das Rathaus Espacité, von dessen Dachrestaurant aus man einen eindrücklichen Ausblick über die Schachbrettstrassen der Stadt geniesst. Beyer schwelgt in Erinnerungen: «Da drüben ist das Technikum, wo ich nach der Handelsschule meine Uhrmacherausbildung absolvierte. Da unten war meine kleine Wohnung, die immer voller Mitstudenten war, die zum Fernsehen vorbeikamen.» Viele von ihnen gehören heute zu den bekanntesten Uhrmachern des Landes und stehen einander noch immer nah. Dann geht der Alarm los: Kinder haben im Restaurant den roten Knopf gedrückt. Die Aufzüge stehen still. Die Feuerwehr rückt an. René Beyer hat sichtlich Spass: Schon wieder so etwas Unvorhergesehenes. 

Langsam beginnen die Mägen zu knurren: Lattmann fährt Beyer zur Ferme Droz-dit-Busset, einem Restaurant in der Nähe der Manufaktur. Das sorgfältig renovierte Bauernhaus vermittelt einen Eindruck davon, wie das Wohnhaus von Sohn und Vater Jaquet-Droz einst ausgesehen haben mag. Während der Schnee vom eisigen Wind gegen die Fenster geblasen wird, tauschen sich Beyer und Lattmann beim Mittagessen in der warmen Stube angeregt über die Rolle von Jaquet Droz im heutigen Uhrengeschäft aus. Die beiden Männer sind sich einig: Technik und Design sind zwar wichtige Faktoren für die Uhrmacherei. Doch letzt -lich sind es Überraschungen à la Jaquet Droz, die nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen ein Lächeln ins Gesicht malen und sie – wenigstens ein bisschen – an Zauberei glauben lassen.

Jaquet Droz: Verspielte Zeiten.

Seine Karriere hat Christian Lattmann (1970) ausnahmslos bei der Swatch Group durchlaufen. Nach dem Abschluss der Handelsschule stieg er 1989 bei Longines ein, später war er für Omega und Breguet tätig. 2016 wurde Lattmann zum Geschäftsführer von Jaquet Droz befördert. Die Uhrenmarke geht auf Pierre Jaquet-Droz (1721–1790) zurück. Er gilt als einer der bedeutendsten Uhren- und Automatenbauer der Schweiz. Gegründet wurde Jaquet Droz in der heutigen Form 1995. Im Jahr 2000 kaufte die Swatch Group die Rechte und etablierte die Marke in der alten Heimat von Pierre Jaquet-Droz. Präsidiert wird sie von Marc Hayek, der auch Breguet und Blancpain vorsteht. Die Marke beschäftigt rund 100 Mitarbeitende.

jaquet-droz.com

Text: Timm Delfs
Fotos: Gian Marco Castelberg

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