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Beyer und IWC: Zwei Zeitpiloten, eine Liebe

Der neue IWC-Chef Christoph Grainger-Herr hat René Beyer nach London eingeladen, wo die beiden einige Gemeinsamkeiten entdecken.

Drei- bis viermal pro Jahr zieht es René Beyer in seine Lieblingsstadt an die Themse. Und wenn für das Treffen mit dem neuen starken Mann an der Spitze von IWC ein fünfter Besuch möglich ist, umso besser. Keine andere Stadt inspiriert ihn mehr, und als Genussmensch hetzt er auch nicht in letzter Sekunde herbei, um in der erstmöglichen wieder davonzueilen. Nein, er nimmt sich das, wofür sein Geschäft seit 1760 steht: Zeit. Am Vortag ist er angereist und hat den Aufenthalt für ein ausgiebiges Büchershopping genutzt. Und für eine Nacht im ultramodernen Hotel W. Beim Eintreffen in der IWC Boutique an der New Bond Street erzählt er, wie er im Zimmer eine Jacke in den Kleiderschrank hängen wollte – und in der Dusche landete. Und öffnet mit der Anekdote Türen: Christoph Grainger-Herr und René Beyer sind mit Herz und Humor sogleich mitten im Gespräch. Es ist, als würden sie sich seit einer Ewigkeit kennen. Dabei ist die Begegnung in London ihr erstes richtiges Zusammentreffen abgesehen von einem kurzen Handshake am Uhrensalon in Genf.

Grainger-Herr nimmt seinen Gast mit auf eine Besichtigungstour durch das Geschäft, das er als Innenarchitekt für IWC konzipiert hat. Der Art-déco-Stil des Gebäudes von 1939 wurde dabei sorgfältig berücksichtigt. René Beyer ist beeindruckt vom Interieur, das gekonnt Klassik mit Moderne und Eleganz mit der richtigen und wichtigen Portion Wohligkeit verbindet. Der Uhrenhändler in achter Generation weiss, wie entscheidend heute das Verkaufsambiente ist. «Produkte sind austauschbar», sagt René Beyer. «Die Kunden wollen etwas erleben beim Einkaufen, sie wollen als Individuum wahrgenommen werden und sich wohlfühlen wie in einem privaten Wohnzimmer.»

Persönlichkeit am Handgelenk

Es ist Mittag geworden und Zeit, den Erfahrungsaustausch beim Lunch zu vertiefen. Vor dem Gebäude macht Grainger-Herr auf das Relief eines alten Dreimasters an der Hausfassade aufmerksam. Ein hübscher sinnbildlicher Zufall für die Marke IWC, welche die berühmte «Portugieser»-Uhr im Portfolio führt. Die «Portugieser» ist auch das Uhrenmodell, das René Beyer durch diesen Tag begleitet, ein Handaufzug mit Achttagewerk. Christoph Grainger-Herrs Handgelenk ist umschlossen von der grossen Pilotenuhr aus der Edition «Le Petit Prince». Beide Uhren drücken viel von der Persönlichkeit ihrer Träger aus, die ihre Unternehmen durch die Zeit navigieren: da der erfahrene Uhrenhändler, dort der ambitionierte Überflieger.

Tate Modern: Der Blick von der neuen Terrasse in eine Art Metapher für den gemeinsamen Tag.

Zu Fuss überqueren Christoph Grainger-Herr und René Beyer die New Bond Street, um das nahegelegene Restaurant Sketch aufzusuchen. Im «Lecture Room» wird ein vorzügliches und überaus originelles Essen serviert, das beide von der kreativen Energie Londons schwärmen lässt. «Für mich war es immer dieses Bewusstsein für die eigene Herkunft bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher Scheu vor Kreativität und Fortschritt, das mich an London faszinierte», erzählt Christoph Grainger-Herr. Hier spüre er eine grosse, nach vorn gerichtete Energie, die er sehr sympathisch finde. «In London und in England habe ich mich immer schon sehr wohlgefühlt, es kommt wohl nicht von ungefähr, dass ich eine britische Ehefrau habe», sagt Chrisoph Grainger-Herr. «Besonders gut gefällt es mir hier im Winter: Ich freue mich darauf, auch diese Weihnachten wieder mit der Familie hierherzukommen.»

Noch eine Gemeinsamkeit

Bei René Beyer ist das nicht viel anders, auch wenn er als Sonnenmensch die warme Jahreszeit vorzieht. An London schätzt er die Weltoffenheit und die kulturellen Möglichkeiten, welche die Stadt mit Musicals, Museen und Sightseeing bietet, und dass sie sich ihr ureigenes Kolorit bewahrt habe, so wie Zürich. «Als Schweizer fühle ich mich den Engländern seelenverwandt. Jetzt noch mehr, wo sie aus der EU austreten», gesteht Beyer, dem der englische Lebensstil sehr zusagt, wo immer auf der Welt er ihn antrifft. Amüsiert stellen Beyer und Grainge-Herr fest, dass ihrer beide Liebe zu London einst bei einem Sprachaufenthalt in Bournemouth an der Südküste Englands begann – auf einem Tagesausflug nach London.

Der Wert der Konsequenz

Die neue IWC Boutique entwarf Designer Grainger-Herr, noch bevor er CEO wurde. Durch die Regent Street geht’s zum Restaurant Sketch.

Anstelle des Kaffees nach dem Essen entscheidet man sich für eine Tasse Tee und einen Spaziergang über die Regent Street zur Artesian Bar im Langham Hotel. Die berühmte Einkaufsstrasse ist für Designer Grainger-Herr das beste architektonische Beispiel für die Symbiose von Tradition und Moderne. Ihr Erbauer John Nash sei vor 200 Jahren konsequent ans Werk gegangen, als er den Strassenzug mit den kontrollierten Fassaden von Grund auf neu erstellte, führt Grainger-Herr aus. Nachdem der Zeremonienboulevard über zwei Jahrhunderte viel an Glanz eingebüsst und vor 15 Jahren kaum mehr Ausstrahlung hatte, blühe er heute mit all den neuen Geschäften wieder in voller Pracht, findet er. 

Diese Betrachtung führt das Gespräch zurück zur Kernaufgabe Grainger-Herrs: Uhren anzubieten, deren Design von langer Gültigkeit und Wertigkeit zeugen. «Unsere Produkte müssen zeitlos schön und doch aktuell bleiben. Während sich die Technik kontinuierlich weiterentwickelt, sorgen starke Designcodes für die sofortige Wiedererkennbarkeit», sagt Grainger-Herr, und er ist überzeugt: «Gutes Design muss für jeden schätzbar sein.» René Beyer pflichtet ihm bei: «Das Rad neu zu erfinden, ist kaum möglich – und wäre gar gefährlich. Die Kunden suchen nach dem Bewährten und Bekannten. Um den Look einer Uhr aufzufrischen, genügen oft Kleinigkeiten. Bei Uhrwerken hingegen gilt es zwingend, neue Entwicklungen einzubinden.»

Das Alte im Neuen

Die letzte Etappe des Tages nehmen die beiden im Cab: Die Fahrt führt zur Tate Modern, wo sich Beyer und Grainger-Herr von der neu eröffneten Dachterrasse aus einen Überblick über die sich spektakulär verändernde Skyline Londons verschaffen. Gläserne Hochhäuser wie The Gherkin und The Shard spiegeln die weltberühmten jahrhundertealten Wahrzeichen wie St. Pauls und Big Ben. 
Nach diesem Tag präsentiert sich der Blick wie eine Metapher für das Metier, dem die Leidenschaft der beiden Männer gehört. Auch in der Uhrenbranche geht die Tradition eine existenzielle Symbiose ein mit der Moderne. Weil für die Zukunft die Wurzeln in der Vergangenheit genauso wichtig sind wie die Erkenntnisse aus dem Hier und Jetzt.

Vom Mode- zum Uhrendesign

Christoph Grainge-Herr (1978) begann in London ein Studium in Modedesign, wechselte dann zu Interior Design. Zehn Jahre lang verantwortete er bei IWC diverse Positionen im Marketing und Sales sowie den visuellen Auftritt. Anfang Jahr wurde er zum neuen CEO von IWC berufen. Der gebürtige Frankfurter lebt mit seiner britischen Ehefrau und den drei Kindern in der Schweiz.

Text: Marianne Eschbach
Fotos: Gian Paul Lozza

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