Dass eine Frau den Uhrmacherberuf erlernte, war selten genug. Dass sie es in die geheimnisumwitterten Ateliers von Patek Philippe schaffte, ein kleines Wunder. Aber die 22-jährige Marie Valentine Meylan stammt aus einer berühmten Westschweizer Uhrendynastie und weiss, was sie will. Was sie nicht im Traum ahnt: Dass sie sich an ihrem Etabli ausgerechnet in einen Zürcher verlieben würde. Der gleichaltrige Adelrich Beyer, der im Rahmen eines Volontariats neben ihr Uhren repariert, gefällt ihr nicht nur äusserlich. Auch sein eleganter Umgang und sein Schalk fördern das Interesse der selbstbewussten Genferin. Immer öfter sitzen sie zusammen, erzählen einander von ihren Familien und deren Erwartungen. Und natürlich kommt auch Marie Valentines berühmter Urgrossvater zur Sprache.

DER UHRENPIONIER
Philippe Samuel Meylan (1772–1845) war fast so bedeutend wie sein Zeitgenosse Abraham-Louis Breguet. Er galt als Pionier in der Konstruktion von Minutenrepetitionen und baute aussergewöhnliche Taschenuhren und Figurenautomaten. Seine grösste Erfindung war das Kaliber Bagnolet, das extraflache Uhren ermöglichte. 1811 gründete er mit Isaac Daniel Piguet die Manufaktur Piguet & Meylan in Genf, die für hochwertige, kunstvolle Uhren stand und bis in die Türkei und nach China lieferte.
Auch Adelrich Beyer ist angetan von seiner Arbeitskollegin. Womöglich erinnert sie ihn an seine Mutter Karoline Beyer-Danioth, die nach dem frühen Tod seines Vaters genauso mutig und entschieden die Dinge anpackte, ebenfalls eine Uhrmacherausbildung abschloss und sogar exklusive Räumlichkeiten im Palais de Credit Suisse ergatterte: Seit drei Jahren geht Beyer hier den Geschäften nach – direkt an der prunkvollen neuen Bahnhofstrasse.

STRENGE SITTEN
Jedenfalls verlieben sich die beiden und wollen heiraten. Der Haken: Die Beyers sind katholisch. Die Kirche ist gegen das Bündnis mit der Protestantin aus der Romandie. Adelrich, ein Mann der Tat, fackelt nicht lange und heiratet Marie Valentine am 25. Mai 1883 ohne kirchlichen Segen. Die Familie Beyer wird aus der katholischen Kirche ausgeschlossen und tritt zum reformierten Glauben über. Dem Erfolg tut dies keinen Abbruch. Dank bester Beziehungen nach Genf ist das Sortiment begehrt. Beyer wird zur ersten Adresse und verkauft Uhren sogar an königliche und kaiserliche Hoheiten. Ob sich unter der Kundschaft auch der Zürcher Eisenbahn-, ETH- und Bankenpionier Alfred Escher befindet, der in dieser Zeit wie kein Zweiter die Schweizer Politik und Wirtschaft dominiert, entzieht sich unseren Kenntnissen. Marie Valentine hilft , wo sie kann, auch nach der Geburt des ersten Kindes, Alice Hermine. 1887 kommt Sohn Theodor Julius zur Welt, der die Beyer Chronometrie dereinst übernehmen wird. Wahrscheinlich stammen die romantischen Zeichnungen und Gemälde, die wir kürzlich in einer vergessenen Kiste gefunden haben, aus dieser Zeit. Sie stimmen umso trauriger, denn bei der Geburt des dritten Kindes, Helena Adelheid, stirbt Marie Valentine mit nur 34 Jahren im Kindsbett und hinterlässt einen tief erschütterten Adelrich Beyer.

Skizzen und Malereien.



