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Das Skelett lebt!

Manchmal sind komplizierte chirurgische Eingriffe nötig: Wie unsere Uhrmacher einer wertvollen Museumsuhr das Leben retteten.

Wo sonst als bei Beyer dürfen sich Lernende (unter kompetenter Anleitung, natürlich) an eine wertvolle Museumsuhr wagen? Von Grund auf und mit aller Zeit, die sie brauchen? Sophie Krienbühl hatte das Vergnügen: Dem skelettierten Uhrwerk aus der Zeit kurz vor der Französischen Revolution drohte der Atem auszugehen. Statt für zehn Tage reichten die Energiereserven, frisch aufgezogen, noch knapp für einen. Die rund 300 Zähne und Flanken des Grossbodenrads waren derart abgenutzt, dass sich die Aufzugskräfte auf andere Teile auswirkten und Rädchen verbogen. Das Werk drohte zu verklemmen. Es musste praktisch neu gefertigt werden.

Die restaurierte Skelettuhr steht wieder im Uhrenmuseum.

Das wäre sehr viel einfacher gewesen, hätte man für die neuen Elemente normales Messing benützen können: Dank seinem Blei-Anteil lässt es sich relativ leicht verarbeiten. «Aber das hätte nicht dem Gedanken der Originalität entsprochen», sagt Sophie Krienbühl: «Wenn wir bei Beyer
etwas restaurieren, dann immer im Sinn der Ursprünglichkeit.» Also musste bleifreies Messing her, und das ist zäh und widerspenstig. Dafür verfärbt es sich mit den Jahrzehnten schön gleichmässig und setzt die «richtige» Patina an.

Zurück zum Original

In einem externen Atelier und unter Anleitung eines pensionierten Profis durfte Sophie Krienbühl feilen, biegen, verstiften, an einer riesigen Drehbank am neu gefertigten Grossbodenrad die Verzahnung fräsen und in vielen Arbeitsschritten das Federhaus in seinen Originalzustand
zurückversetzen (durch die Eingriffe von Uhrmachern über all die Jahrhunderte war es ein eigentliches Flickwerk). Dafür mussten unter anderem
eine neue Federhaustrommel und ein neuer Federhauskern hergestellt werden. Auch wurden für sämtliche Befestigungen englische
Zoll-Schrauben und -Gewinde geschaffen. «Als wir die Skelettuhr dann endlich aufzogen, war ich super nervös», lacht die Uhrmacherin. «Und als die Uhr nach sechs Tagen ihr Balancier immer noch wunderbar gleichmässig schwingen liess, wusste ich: That’s it! Die Anspannung wich einer ungeheuren Erleichterung.»

Nachgefragt

«Ich gehe heute anders ins Museum»

Wie reagierten Sie, als Ihr Chef Sie mit dieser Aufgabe betraute?
Man nimmt im ersten Lehrjahr zwar Grossuhren durch, aber man übt natürlich nicht an kostbaren antiken Stücken. Ich zappelte hin und her zwischen totaler Euphorie und riesigem Respekt. Und eigentlich blieb
das bis zum Schluss so.

Was war der schwierigste Moment?
Es gab eigentlich keine schwierigen Momente: René Rietmann, der auf mich – und wohl vor allem auf die Skelettuhr – aufpasste, führte mich enorm kompetent und rücksichtsvoll durch den Prozess. Jeder Schritt war
ein Genuss.

Worüber staunten Sie am meisten?
Über die Dimensionen der Werkzeuge und Werkbänke, um die doch sehr grossen Teile nachzubauen. Und über die Kraft, mit der man bei dieser Arbeit ans Werk gehen muss.

Hat es Sie gepackt – sehen Sie Ihre Zukunft bei den Grossuhren?
Es war toll, doch ich tendiere eher zum Kleinen, Feinen, Pingeligen. Aber ich gehe heute anders ins Museum, wo «meine» Skelettuhr thront. Irgendwie mit gestreckterem Rücken.

Sophie Krienbühl, Auszubildende im dritten Lehrjahr

Text: Matthias Mächler

Beyer Chronometrie