Eric Olivier Meier schüttelt den Lackstift, bis im Innern das Kügelchen klackert. Vor ihm liegen drei verschieden grosse 3D-Plots eines Kettenanhängers. Ruhig fährt er mit goldener Farbe der Fassung entlang. Wartet, bis die Farbe getrocknet ist, korrigiert einen Fehler. Farbspuren auf dem Tisch, an den Fingern und auf dem zerknüllten Küchenpapier zeugen vom kreativen Schaffen. Erstaunlich: Meier ist kein Designer, sondern ein renommierter Zürcher Wirtschaftsanwalt. Doch beginnen wir beim Anfang.
Eigentlich wollte Eric Olivier Meier nur eine Uhr abholen; seit Generationen gehört seine Familie zur Beyer-Kundschaft. Doch der Besuch vor rund einem Jahr sollte wegweisend werden. «Im Laufe des Gesprächs», erinnert er sich, «kamen wir auf das Thema Männerschmuck. Schmuck hat mir schon immer gefallen, aber ich fand schade, dass die Auswahl für Männer begrenzt ist und oft bei der Uhr oder dem Ehering endet.» Daher habe er spontan gefragt, ob es möglich sei, zusammen mit den Goldschmieden von Beyer etwas Eigenes zu kreieren. Schmuckatelierleiter Željko Gregurek hat ihm versichert: «Mit so einem Wunsch laufen Sie bei uns offene Türen ein.»

AUS ALLEN PERSPEKTIVEN
Die Kollektion «Ornamenta» aus dem Schmuckatelier Beyer, sagt Eric Olivier Meier, habe ihn sofort angesprochen. Ihm gefiel die Formsprache, die von den Ornamenten des Zürcher Fraumünsters inspiriert, aber zeitlos und modern interpretiert ist. Er nahm den «Ornamenta»-Leporello mit und merkte, wie er immer wieder an «seine eigenen» Varianten dachte. Ihm schwebte etwas Maskulineres vor, etwas Grösseres, Markanteres. Eines Tages nahm er ein Blatt Papier und begann zu skizzieren. «Eher ungewöhnlich für unsere Kunden», schmunzelt Gregurek. «Aber das ist das Schöne hier. Man kommt ins Gespräch, es entwickeln sich Ideen und einzigartige Schmuckgeschichten wie diese.»
Zunächst skizzierte Meier ein Bracelet aus allen Perspektiven, mit feinsten Schattierungen und kleinsten Details. Doch so ein Bracelet mit umlaufenden Elementen visuell darzustellen, stellte er bald fest, war kompliziert. Darum schwenkte er auf einen einfacheren Einstieg um und kam auf Manschettenknöpfe und eine Kette mit Anhänger. Als Basis für die Manschettenknöpfe fiel seine Wahl auf ein bestehendes «Ornamenta»-Design in Weissgold mit Diamantenbesatz, passend zu seiner Traumuhr von Patek Philippe in Weissgold mit blauem Zifferblatt und ewigem Kalender. Für die Kür, das Collier mit Anhänger, sollte es Roségold sein. Er würde die Kette unter dem Hemd tragen, also für niemanden sichtbar. Trotzdem sollte es zu seinen Modellen von Patek Philippe passen. Gemeinsamer Nenner von Manschettenknöpfen und Anhänger waren drei dunkelblaue Saphire.
«MAN GLAUBT GAR NICHT,
WIE VIELE MÖGLICHKEITEN FÜR ÖSEN ES GIBT.»
SCHWIERIGER ALS GEDACHT
Während der nächsten Wochen und Monate entstanden in Pausen, nach der Arbeit und an Wochenenden unzählige Skizzen. Dabei stieg Meiers Respekt für die Arbeit der Designer: «Grössenverhältnisse, Proportionen, technische Lösungen: Selbst eine simple Kette ist etwas enorm Komplexes », sagt der Perfektionist, der jedes noch so kleine Detail verstehen will, und lacht: «Mein Projekt oszillierte zwischen Passion und Wahnsinn.» Die Offenheit und die Expertise des Beyer-Teams waren ihm eine grosse Hilfe: «Željko Gregurek fand immer das richtige Mass zwischen Zeit geben und sich Zeit nehmen.» Im regelmässigen Austausch mit den Goldschmieden nahm der markante Roségold-Anhänger Schritt für Schritt Gestalt an. Parallel zu diesem Prozess suchte das Goldschmiedeatelier Beyer die passenden Edelsteine. «Saphire im Brillantschliff sind selten», erklärt Gregurek. «Gerade mit einem Durchmesser von 8,9 Millimetern, wie wir sie für den Anhänger bestimmten.» Dabei sollten die Steine nicht zu hell, nicht zu transparent, nicht zu lila sein. Nach einem halben Jahr waren die finalen Steine gefunden. Ein Moment, an den sich Meier genau erinnert: «Auch wenn ich ein Kopfmensch bin: Als man mir bei Beyer die Saphire zeigte, wusste ich sofort, dass es die richtigen waren. Ich musste mit ihnen nicht einmal ans Tageslicht.»
EINE KLEINE RAFFINESSE
Mit den Saphiren kam auch der Feinschliff. Zur besseren Vorstellung erstellte das Atelier zwei Modelle mit dem Plotter, 2,55 und 2,62 Zentimeter gross. Doch Meier wünschte einen dritten exakt dazwischen. Ein Unterschied, den die meisten Laien wohl nicht sehen würden. Woher er seine kreative Ader habe und seinen Blick für feinste Details? Meier schmunzelt: Daran sei wohl der Grossvater schuld, ein Architekt, der mit seinen Enkeln viel bastelte, ihr Geschick und ihre Fingerfertigkeit förderte und das Auge für Details schärfte. Und dann spiele sein Charakter mit rein: «Wenn ich etwas kaufe, muss es nicht perfekt sein. Wenn ich es aber selbst entwerfe, sollte es genauso werden, wie ich es mir vor meinem inneren Auge vorstelle.»
Für die blaue und goldene Einfärbung der drei Plots ging er in eine Papeterie und kaufte Farbe, mit der er zu experimentieren begann. Die kolorierten Plots trug Meier vor dem Spiegel an einer Kette, das gab ihm ein besseres Gefühl für Proportionen und Wirkung. Doch auch nach der Entscheidung für die mittlere Grösse war der Prozess nicht abgeschlossen, denn es galt ja noch, die Ösen zu bestimmen. «Man glaubt gar nicht, wie viele Möglichkeiten für Ösen es gibt», sagt der Wirtschaftsanwalt stirnrunzelnd. «Zwei Termine haben wir darauf verwendet. Doch auch hier durfte ich mich auf die Erfahrung des Teams verlassen.» Man entschied sich für zwei Ösen, um die Rundankerkette schöner fallen zu lassen, für zwei kleine Stopper, die das Durchlaufen der Kette verhindern, und wie so oft im Beyer-Atelier auch für eine kleine Raffinesse: ein herauslösbares Mittelstück, dank dem die Kette in zwei Längen getragen werden kann.
Für Eric Olivier Meier waren die vergangenen Monate eine besondere Zeit: «Die Kette erzählt von einer kreativen und fast meditativen Phase meines Lebens mit vielen Stunden am Schreibtisch, unzähligen Designskizzen und viel klebriger Lackfarbe. » Als Mann Schmuck zu tragen, hat für ihn heute etwas mit Selbstbewusstsein zu tun, vielleicht auch mit dem mittlerweile erreichten beruflichen Standing. Aber vor allem erfüllt ihn der Stolz, etwas Eigenes kreiert zu haben. Wer weiss: Vielleicht liegen auf seinem Schreibtisch bereits die nächsten Skizzen bereit – für das ursprünglich geplante Bracelet.




