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Der Diamantenflüsterer

Die besten Edelsteinschleifer der Welt arbeiten in Tel Aviv: Bei besonders reinen Diamanten klingelt in Zürich das Telefon.

Bis auf ein fluoreszierendes Licht am Ende des Ganges ist es düster im Raum. Ein Mann sitzt vornübergebeugt in einer Koje. Vor ihm dreht sich surrend eine gusseiserne, mit Diamantstaub überzogene Scheibe. Es ist weit
nach Mitternacht. Mit einer Zange, der Doppe, lässt er einen Diamanten, so gross wie eine Fingerkuppe, über die rotierende Fläche gleiten. Zehntelmillimeter für Zehntelmillimeter trägt er von der matten Oberfläche
ab, um eine maximale Brillanz herauszuarbeiten. Zittern sollte er jetzt nicht: Ein wenig daneben, und Tausende Franken sind futsch. Haben Diamantschleifer einen schlechten Tag, rühren sie keinen Stein an. Überhaupt arbeiten sie nach ihrem eigenen Rhythmus, mal 14 Stunden am Stück, dann wieder eine Woche gar nicht. Vom Licht her spielt es auch keine Rolle: Die Jalousien bleiben rund um die Uhr geschlossen. «Tageslicht enthält zu viele Blauanteile und würde die natürliche Färbung der Diamanten verfälschen», erklärt Ori Rachminov, der die Geschicke von A. A. Rachminov gemeinsam mit einem Cousin und einem dritten Partner lenkt. Beim international führenden Händler besonders hochwertiger Edelsteine kauft auch das Schmuckatelier von Beyer seine Brillanten ein.

An der Wundermaschine

Hinter den Fenstern des staubigen und an Unscheinbarkeit kaum zu überbietenden Hauses in Ramat Gan nahe Tel Aviv werden Werte in Millionenhöhe geschaffen. Nur wenige Strassen weiter, an der zweitwichtigsten
Diamantbörse der Welt (man liefert sich mit dem belgischen Antwerpen seit Jahrzehnten ein Kopf-an-Kopf-Rennen),werden die geschliffenen Preziosen verkauft, versichert und für den Transport in aller Herren Länder vorbereitet. Was mit den Rohdiamanten aus dem südlichen Afrika, aus Russland oder Kanada genau geschieht, bestimmt längst nicht mehr das Augenmass, sondern der Sarine-Computer, benannt nach seinem israelischen
Erfinder. «Dieses Gerät kostet ein Vermögen, ist aber Gold wert», erklärt Ori Rachminov. Der rohe Stein verschwindet im Schlitz der Wundermaschine und taucht als dreidimensionales Bild auf dem Monitor wieder auf. Jeder Kratzer, jede Verfärbung, jede Unebenheit wird dank Magnetresonanz erkannt. Eine farbige Simulation zeigt, wie sich der Fund optimal ausschlachten lässt.

Die Intuition schleift mit

«Manchmal gibt es Dutzende Möglichkeiten. Dann muss man kalkulieren, welche Option das beste Resultat für das Endprodukt bringt», erklärt der Diamantär. Mit Hochkarätern haben es die Rachminovs täglich zu tun. Doch nur einmal im Jahr kommen sie an ein Kaliber mit einem Gewicht von mehreren Hundert Karat, wie es gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist. Man wird sich für dessen Zerteilung in 20 Brillanten entscheiden: vom 30-Punkter bis zum 30-Karäter. Kalkulierter Gesamtwert: 16 Millionen Franken. Hat man sich für eine Option entschieden, wird von jedem hypothetischen Endprodukt ein fingergrosser Abdruck erstellt,eine Art Bauplan, der jede Facette zeigt. Der ist nicht in Stein gemeisselt. «Wenn unsere Diamantenflüsterer das Gefühl haben, dass sie einen anderen Weg gehen müssen, um den Stein nicht zu gefährden, oder wenn sie denken, noch mehr aus ihm herausholen zu können, folgen sie ihrer Intuition», sagt Ori Rachminov. Oder wie Carlo Mutschler, Chef des Schmuckateliers Beyer, es ausdrückt: «Die Steine sprechen zu den Schleifern und sagen ihnen, was zu tun ist.»

Optimal zerteilt ist dieser Fund rund 16 Millionen Franken wert: Die kleinste falsche Entscheidung kostet ein Vermögen.

Bei "makellos" klingelt es

Mehrfach war Mutschler auf Einladung der Rachminovs in Israel. Aus der Geschäftsbeziehung, die vor zwölf Jahren an der Baselworld begann, ist längst eine innige Verbundenheit mit unerschütterlicher Vertrauensbasis geworden. Wann immer die Rachminovs ein «makelloses» Prachtexemplar ergattert und die Schleifer einen guten Job gemacht haben, klingelt bei Mutschler das Telefon. Dieser schmunzelt: «Wird ein Diamant mit einem Triple X bewertet, also wenn er ‹excellent› ist in Schliff, Symmetrie und Politur, kommt er für uns grundsätzlich infrage.» Auch für den riesigen Rohdiamanten, der gerade in Israel bearbeitet wird, ist Mutschler Feuer und Flamme. «Es handelt sich um das beste Ausgangsmaterial, das bei einem Diamanten gefunden werden kann. Er ist reinweiss – das grenzt bei dieser Grösse an ein Wunder.» Ob Mutschler ein Stück davon nach Zürich wird holen können, steht noch nicht fest. Ein firmeninternes Gremium bei Beyer wird darüber entscheiden. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», zeigt sich Mutschler zuversichtlich. Inzwischen ist in Ramat Gan ein neuer Tag angebrochen, der Schleifer legt seine Arbeit zur Seite und sich aufs Ohr, Ori Rachminov hängt am Handy. Es gibt einige Interessenten für die schillernden Schätze aus der dunklen Kammer.

Text: Matthias Mächler
Fotos: A.A. Rachminov

Beyer Chronometrie