News

Der Vogel aus der Tabakdose

Operation am offenen Spielwerk: Das Uhrmacheratelier von Beyer ist auch ein Spital für müd gewordene Singvögel.

Seit Jahren kam der Singvogel nur noch an Heiligabend zum Einsatz, von der Mutter mit aller Sorgfalt aufgezogen und im richtigen Moment als feierlicher Höhepunkt am Familientisch einmal abgespielt. Und seit Jahren wusste die Tafelrunde nicht recht: Galt es nun den Atem anzuhalten, um der Poesie aus dem frühen 19. Jahrhundert gebührende Aufmerksamkeit zu schenken? Oder tat man es doch eher aus Furcht davor, dass das Vögelchen, nachdem es herausgesprungen war und gezwitschert hatte, sich beim Rückzug ins Kästchen vollends das Genick bräche, altersschwach und unberechenbar, wie der Mechanismus geworden war?

Zur Sicherheit wurden die Auftritte zuletzt mit dem Handy festgehalten, auf dass zumindest ein Film existierte, sollte der Singvogel das Zeitliche segnen. Doch die Aufnahmen sorgten in keiner Weise für entspannte Gemüter, im Gegenteil: Sie machten die Beteiligten nur noch nostalgischer. Zu sehr war die Tabatiere der Familie ans Herz gewachsen, zu lieb hatte man das Ritual des weihnächtlichen Abspielens gewonnen. So beschloss der Familienrat, die kostbare Schatulle, ihren verborgenen Mechanismus und den Vogel untersuchen und nach allen Regeln der Kunst reparieren und restaurieren zu lassen.

Für eine solche Operation kamen nur die Spezialisten des Beyer-Uhrmacherateliers infrage. Mehr Erfahrung mit historischer Mechanik ist kaum zu finden; das Team um Damian Ahcin und Ernst Baschung verantwortet auch die Revision der Exponate aus dem Uhrenmuseum – und ist bekannt dafür, dass man erst Hand anlegt, nachdem gründlich recherchiert und jede Schraube historisch überprüft wurde. Jede Bewegung im Bauch des Objekts ist dann auch im Kopf des Uhrmachers gekoppelt an Ursache und Wirkung, und selbstverständlich wird akribisch festgehalten, welche Teile dem Sinn des Erbauers entsprechen und welche im Lauf der Zeit dazugekommen oder nur mehr schlecht denn recht repariert worden sind.

ZEICHEN DER ZEIT ERHALTEN

«Unsere oberste Maxime ist, die Geschichte eines Objekts zu erhalten», erklärt Damian Ahcin. So werden beispielsweise Kratzspuren nicht einfach weggeschliffen, schliesslich berichten sie durchaus von der Freude, die das Objekt in all den Jahrzehnten und Jahrhunderten seinen Betrachtern bereitete. Stattdessen geniessen solche Teile ein Bad in einer Trommel mit spezieller Lösung und Metallgranulat: Durch langsames Drehen werden die Oberflächen gereinigt. Jetzt sind sie wieder optimal vorbereitet für die Schmierung. Von den Zeichen der Zeit dürfen sie, aufgehübscht, trotzdem weiterhin erzählen.

Die grosse Herausforderung bei diesem Singvogel allerdings war, dass die Bewegungen des Schnabels exakt übereinstimmen müssen mit dem Tirilieren, das von der melodiegebenden Scheibe durch zwei kleine Blasbälge auf die Orgelpfeife gespielt wird. Diese Einstellung bedarf komplexer Berechnungen, da die Kraft der aufgezogenen Feder gleich drei Übersetzungen durchläuft. Entsprechend schwierig ist es, diese Energie zu regulieren. Vor allem, weil offenbar andere Restaurateure, die früher schon vor diesem Problem gestanden waren, mit brutalen Bohrlöchern das Regulierstück verunstaltet hatten.

«ICH WEISS NICHT, WIE

LANGE DAS NOCH GUT GEGANGEN WÄRE.»

 

Knifflig gestaltete sich ausserdem der Mechanismus, der den Vogel aus der Versenkung hebt und bewegt. Co-Atelierleiter Damian Ahcin: «Verschiedene Teilchen waren abgebrochen, verklemmt, verbohrt oder mit Zinnlot verklebt. Ich weiss nicht, wie lange das noch gut gegangen wäre.» Auch der Vogel selbst musste aufgepeppt werden: Auf der einen Seite war er gänzlich kahl, auch fehlte ihm ein Auge. Da die bunt schillernde Seite aus Kolibrifedern besteht und diese heute nicht mehr verwendet werden dürfen, musste sich Ahcin für die Restauration der enthaarten Seite mit Pfauenfedern behelfen, die er einzeln zurechtstutzte. Eine winzige rote Glasmurmel wurde zum Ersatzauge. «Ein bisschen bin ich froh, dass dieser Singvogel schon etwas moderner ist», sagt er. «Bei den ganz alten benutzte man nicht selten ausgestopfte Vögel und überzog die Mechanik mit der echten Vogelhaut.»

WENN HEBEL DEN RHYTHMUS ERTASTEN

Wenn nächste Weihnachten die prächtige blaue Schatulle wieder auf dem Weihnachtstisch thront, darf vielleicht auch mal jemand anderer als die Mutter den Schlüssel drehen: Er wird nicht abbrechen, sondern einen sauber geölten Federmechanismus aufziehen, dessen Energie über den Windfang reguliert wird. Die Kraft setzt eine Kurvenscheibe mit Flötenwerk in Gang, presst die ledernen Blasbälge und lässt den Deckel aufschnappen. Sie stellt den Vogel auf und bewegt Gefieder, Schnabel und Schwanz. Und wenn die drei tastenden Hebel spüren, dass die Melodiescheibe zu Ende ist, wird sich der Vogel wieder in sein Gehäuse zurückziehen. Der Deckel wird mit jenem Klick zuschnappen, der die Familie in den letzten Jahren die angehaltene Luft dankbar ausatmen liess. Nur dass diesmal niemand mehr Angst ums Vögelchen haben muss. Gut möglich also, dass sein Tirilieren nicht nur an Heiligabend, sondern die ganzen Weihnachtstage über immer mal wieder zu hören sein wird.

Beyer Chronometrie