
Wir stehen auf einer Felsspitze hoch über dem Doubs. Links und rechts wogt ein Tannenwipfelmeer, wild und harmonisch zugleich. Ein Milan zieht pfeifend seine Kreise. Jean-Sébastien Bolzli zeigt schmunzelnd auf seine Uhr, die nach dem Raubvogel benannt und deren Zifferblatt mit einem stilisierten Tannensujet verziert ist. Wie passend. Wir begleiten den CEO von Aerowatch auf einem Trail, den er sonst rennt. Uns raubt der Aufstieg schon in gemächlichem Wandertempo den Atem.
Natürlich ist das nahe Ende der Beyer Chronometrie das grosse Thema. Aerowatch, diese sympathische Uhrenfirma aus Saignelégier, stellt seit 2003 die Beyer- Uhren her. Im März lieferte sie die letzte Bestellung nach Zürich, eine Woche vor der Hiobsbotschaft. «Wir wussten, dass der Tag kommen wird», sagt Bolzli. «Aber wir wussten nicht, wann und in welcher Form.» Für Aerowatch schliesst sich ein Kapitel, das weit über das Geschäftliche hinausging: Jean-Sébastien Bolzli arbeitete selbst einige Jahre als Uhrmacher bei Beyer. Und Patron René Beyer stand Aerowatch bis zu seinem Tod als engagierter Sparringpartner und Götti zur Seite.

EIGENE WEGE
Finanziell wird es Aerowatch verkraften, man agiert international, ist breit aufgestellt und stets mit eigenem Geld gewachsen. Risiken und Abhängigkeiten sind auf ein Minimum begrenzt, übertrieben hat man es sowieso nie. «In den Freibergen sind wir vorsichtig und tief im Herz alle Bauern», sagt Bolzli. «Wir vertrauen unserem Boden und wissen, was er verträgt. Luftschlösser überlassen wir anderen.» Auch beim Trailrunning peilt er keine Rekorde an, sondern nimmt sich die Zeit, die es braucht, damit die Freude bleibt. Oft sucht er eigene Routen durch die naturbelassene Landschaft. «Es geht ja nicht nur um den Pfad unter den Füssen», sagt er, «sondern immer auch um den Weg zu sich selbst.»
Schroffe Felsen, verwunschene Wälder, der spiegelglatte Fluss: Das dünn besiedelte Hochplateau ist eines der letzten Refugien der Schweiz, in der die Natur noch immer den Takt des Lebens bestimmt und entsprechend auch die Menschen formt. Es ist kein Klischee, dass man hier eigensinniger und freiheitsliebender ist als anderswo. Müsste man Asterix, Obelix und die unbeugsamen Gallier in der Schweiz ansiedeln, die «Franches-Montagnes » wären der ideale Ort dafür.
Eine solche Asterix-Figur, könnte man sagen, ist auch Vater Denis Bolzli. Als Kind musste er das Schlafzimmer mit sechs Geschwistern teilen. Dann ging er zur Bahn, um herauszukommen aus dem Dorf, bekam aber Heimweh und kehrte zurück, wurde Gemeindepräsident, Freiheitskämpfer, Parlamentarier für den neu geschaffenen Kanton Jura. Als er später in leitender Position bei einer Uhrenfirma zu Geld kam, belohnte er sich nicht etwa mit einem Ferrari, nein – er erfüllte sich einen Kindheitstraum und erwarb einen Landgasthof mit Kühen und Pferden. Und er leistete sich mit Aerowatch eine traditionsreiche Herstellerin für Taschenuhren, deren Besitzer eine Nachfolgelösung suchte.
Seinen Kindern sagte er: «Ich kann euch nicht den Lohn bieten, den ihr anderswo verdient. Aber ich hab was Besseres für Euch – eine Zukunft.» Alle drei kamen zurück: Jean-Sébastien, der Extravertierte, als Marketingchef, Fred-Eric, der Kreative, als Atelierchef, Adeline, das Organisationstalent, als Leiterin des Backoffice. Zu dritt übernahmen sie 2024 schliesslich vollends die Verantwortung.


ÜBERLEBEN IN DEN FREIBERGEN
«Es ist schön zu sehen, dass es funktioniert, das ist nicht selbstverständlich», sagt Denis Bolzli, eingehüllt in den süsslichen Rauch seiner Tabakpfeife. Wir treffen den Vierundsiebzigjährigen in Muriaux, dem 500-Seelen-Dorf, in dem er als Gemeindepräsident gewirkt hatte. Zu jedem Haus kennt er eine Geschichte, oft handeln sie von Menschen, die sich etwas einfallen lassen mussten, um zu überleben – wie Maler Coghuf, der zuweilen nur mit Bildern bezahlen konnte. Die Bauern hätten geflucht, weil man damit nichts kaufen konnte. «Aber dann merkten sie, dass Kunst auf andere Art bereichert», sagt Bolzli, lächelt vielsagend und erzählt, wie die Gemeinde damals eine Krankenkasse für die 53 Kinder des Dorfes gründete. Für einen Franken pro Kind und Monat aus der Gemeindekasse brauchten keine Eltern mehr Angst vor Krankheiten oder einem Unfall der Kinder zu haben. Bolzli: «Das war vielleicht meine wichtigste Tat.»
Bei der Fahrt durch die Freiberge wird klar, wie sehr die Region von der Uhrenindustrie abhängig ist: Immer wieder zeigen Denis und Jean-Sébastien Bolzli auf ein Haus oder eine Fabrik, in der spezielle Uhrenteile gefertigt werden. Die meisten Kleinbetriebe wurden längst von den Grossen der Branche geschluckt; Geschichten verschwinden, die Namen von Familien geraten in Vergessenheit.

EIN HEILIGER ORT FÜR HIESIGE
Man könnte es bedauern, wenn nicht auch Neues entstünde und für Zuversicht sorgte. Richard Mille zum Beispiel, die Uhrenmarke, die es innert zehn Jahren zum Superstar der Branche geschafft hat. «Den einen Besitzer habe ich letzten Samstag beim Metzger getroffen», erzählt Jean- Sébastien Bolzli. «Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass die Familie in den Freibergen geblieben ist. Hier tickt der Alltag etwas einfacher, man grüsst, redet miteinander, ist einander verbunden – und hebt bei Erfolg nicht gleich ab.»
Und im August, am berühmten Marché- Concours National de Chevaux in Saignelégier sitzt man zusammen für ein Bier oder zwei, diskutiert über die Pferde, die Geschäfte, das Leben. «In einer kleinen Region zu Hause zu sein, in der jeder jeden kennt, ist nicht nur einfach – aber über alles gesehen sehr viel besser als Anonymität», sagt Jean-Sébastien Bolzli und führt uns in Saignelégier durch die an diesem gewöhnlichen Dienstag leere und fast absurd gross scheinende Markthalle mit der eindrücklichen Balkenkonstruktion und zu den alten Pferdeställen, ein heiliger Ort für die Hiesigen.
Es ist später Nachmittag geworden, Vater Denis verabschiedet sich, er muss nach den Tieren schauen. Jean-Sébastien will uns einen letzten Lieblingsplatz zeigen, den Etang de la Gruère. In der verklärten Moorlandschaft führt ein Holzsteg um den See. Wir umrunden das stille Wasser, beobachten Frösche und blinzeln in die sinkende Sonne. Über den Tannenwipfeln kreist pfeifend ein Milan. Ein bisschen Wehmut mischt sich in den aufkommenden Wind. Aerowatch und Beyer: Das war wirklich eine stimmige Geschichte.

DIE FAMILIE BOLZLI ÜBER IHRE LIEBLINGSORTE
IN DEN FREIBERGEN

Mountainbike-Tour Nr. 712
«Die offizielle Rundtour ab Saignelégier führt auf 42 mittelschweren Kilometern zu den schönsten Ecken der Freiberge, vorbei an Pferdeweiden und an endlosen Trockensteinmauern entlang, hinab
in Schluchten, über bewaldete Hügel. Man erlebt die Essenz der Freiberge. Eine ausführliche Beschreibung der Tour Nr. 712
finden Sie auf der Website j3l.ch.»
RESTAURANTS
LEGENDÄR
Maison Wenger, Le Noirmont
Auch nach der Pensionierung von Georges Wenger 2019 bleibt es in den Freibergen die erste Adresse für Gourmets. Der kongeniale Nachfolger Jérémy Desbraux ist
amtierender «Koch des Jahres» und dekoriert mit 18 GaultMillau-Punkten sowie zwei Michelin-Sternen.
maisonwenger.ch
ORIGINELL
Flora, Le Prédame
Vom Amuse-Bouche bis hin zum Dessert sind die Gänge jeweils einer saisonalen Pflanze aus der Region gewidmet, virtuos interpretiert, modern inszeniert.
Ein wunderbarer Ort zum Staunen und Geniessen!
florarestaurant.ch
RETRO
Du Cheval Blanc, Les Pommerats
Als ob jemand die Zeit angehalten hätte: In einem liebevoll nostalgischen Dekor im sorgfältig renovierten Gebäude von 1840 wird die Vergangenheit zelebriert und die traditionelle französische Küche mit Zutaten interpretiert, die das Terroir vor der Tür hergibt.
Tel. 032 950 13 13
SYMPATHISCH
Golf, Les Bois
Ob draussen auf der ausladenden Terrasse mit Blick über einen der schönsten Golfplätze der Schweiz oder drinnen in der grosszügigen Gaststube: Das «Golf» ist eine
Referenz. Originell, unkompliziert und ambitioniert serviert es regionale Köstlichkeiten.
golflesbois.ch
HERZHAFT
La Croix Fédérale, Muriaux
Die gepflegte Brasserie in einem Gebäude von 1679 bietet mitten im mythischen Bauerndorf herzhafte Speisen mit frischen Zutaten und sorgt mit seiner Karte für die Qual der Wahl. Auch ein toller Ort für einen Apéro!
lacroixfederalemuriaux.ch
ALTERNATIV
Café Du Soleil, Saignelégier
Ausstellungen, Konzerte, Lesungen: Das Kulturzentrum «Le Soleil» verströmt viel Künstleratmosphäre und bezirzt mit einer unkomplizierten, lustvollen Karte.
cafe-du-soleil.ch
ERQUICKEND
Lohnenswerte Orte für frischen
Fisch am Ufer des Doubs:
Restaurant Le Theusseret, Goumois
Hôtel du Doubs, Goumois
Restaurant de la Goule, Le Noirmont
Auberge de la Bouège, Le Noirmont
MUSEEN UND BESICHTIGUNGEN
ERHELLEND
Musée de la Boîte de Montres, Le Noirmont
Die Freiberge sind die Heimat der Uhrmacher und Hersteller von Uhrengehäusen. Diesem hochpräzisen Kunsthandwerk ist dieses Museum mit zwei typischen Werkstätten gewidmet: einem Atelier aus dem Jahr 1850 und einer mechanisierten Fabrik von 1920.
museedelaboitedemontres.ch
EINDRÜCKLICH
Fondation Oscar Wiggli, Muriaux
Er war einer der prägenden Schweizer Eisenplastiker: An seinem Wohnund Wirkungsort in Muriaux hält die Stiftung Erinnerungen an ihn wach – riesige Kunstwerke, einen Film über den Exil-Solothurner und Aufnahmen seiner elektroakustischen Musik.
fondationwiggli.ch
BEGEISTERND
Musée du Ski, Le Boéchet
Im ehemaligen Bahnhofrestaurant von Le Boéchet sorgt das neue Skimuseum für Rekorde. Es war 2025 das meist besuchte Museum im Jura. Mit seiner modernen multimedialen
Ausstellung vermag es nicht nur Skifans zu begeistern.
museeduski.ch

Wandern durch wilde Schluchten
«Ich liebe die Wanderung von Pré-Petitjean via Etang de Bollement bis Combe Tabeillon. Da man regelmässig die Jura-Bahn kreuzt, lässt sie sich spontan abkürzen und verlängern. Alle paar Kilometer verändert sich die Landschaft. Man kommt durch Schluchten, Wälder und kleine Dörfer, vorbei an Pferdeweiden und an einem romantischen See. Die Essenz der Freiberge!»

Kanufahren auf dem Doubs
«Es gibt Abschnitte, die sind wilder, andere ruhiger: So oder so macht das Kanufahren auf dem Doubs riesig Spass. Weil es an warmen Tagen nirgends angenehmer ist als am Wasser – und weil man die wilde Natur im Kanu auf bequemste Art erkunden kann. Und nach der Tour winkt ein feines Glas Wein in einem der
kleinen Restaurants am Doubs.»
KULINARIK
HOCHWERTIG
Boucherie Bilat, Les Bois
Man kann an einem Samstag durchaus eine Weile anstehen, aber man trifft dabei auf interessante Menschen: Bilat ist ein Pilgerort für Geniesser, die hochwertig und respektvoll verarbeitete Produkte von Tieren aus der Region schätzen.
boucheriebilat.ch
BERÜHMT
Fromagerie des Franches-Montagnes, Le Noirmont
Ja, der berühmte Tête de Moine, der mit der Girolle als Rosette geschabt wird, stammt aus den Freibergen. Wie er gemacht wird, erklärt die Schaukäserei. Wie er schmeckt, erfährt man im Laden nebenan. Bon Appétit!
fdfm.ch
LECKER
Bäckerei Parrat, Saignelégier
Die Bäckerei-Konditorei Parrat gilt weitherum als Vorbild. Ob Brote, Schokolade, Patisserie oder kleine Gerichte: Alles wird von Hand und mit lokalen Zutaten hergestellt.
paratartisan.com
REBELLISCH
Brauerei BFM, Saignelégier
Die renommierte «New York Times» erhob das in Eichenfässern gereifte «Abbaye de Saint Bon-Chien» in den Adelsstand des weltweit besten Bieres. Aber auch die anderen Sorten lohnen sich, denn sie sind rebellisch, komplex und immer überraschend!
brasseriebfm.ch
SPORT
HERAUSFORDERND
Golf Les Bois
Der technisch anspruchsvolle 18-Loch-Platz auf 1000 Metern Höhe liegt in einer einzigartigen Landschaft und zählt zu den schönsten Golfplätzen der Schweiz.
golflesbois.ch
ENTSPANNEND
Jura Sport & Spa Resort, Sainelégier
Wasserspass, Saunen, Hamams und ein Hallenbad: Bei schlechtem Wetter gibt es nicht viel Entspannenderes als einen Besuch im Jura-Resort.
jura-resort.ch

Staunen im Naturzentrum Les Cerlatez
«Die Schönheit der Natur lässt sich hier auch bei schlechtem Wetter entdecken – in diesem kleinen, feinen Museum, das auch Kinder in seinen Bann zu ziehen vermag. Denn die Ausstellungen sind unterhaltsam, informativ und angenehm präsentiert. Im Naturzentrum beim Étang de la Gruère kommt man den Freibergen
richtig nah.»
UNSERE FAVORITEN
Faszinierende Aerowatch-Modelle gibt es viele: Das beyond-Team verrät seine Favoriten.

Philippe Meyer, Marketingchef Beyer: Automatik-Regulator 1942 (Ref. A76983 AA04, limitiert auf 100 Stück), 42 mm, 1590 Franken
«Dieser Regulator hat es mir angetan. Die von einander getrennten Sekunden-, Minutenund Stundenzeiger bieten eine originelle Art, die Zeit abzulesen. Das gewölbte Saphirglas und das sanft geschwungene Edelstahlgehäuse verleihen der Eleganz dieser Uhr eine verspielte Lebendigkeit. Und dank Sichtboden kann man das Werk bei seiner Arbeit beobachten.»
Matthias Mächler, Blattmacher beyond: Taschenuhr – Savonnette Squelette (Ref. 57834 AA01), 53 mm, 1890 Franken
«Eine Armbanduhr hat jeder – aber eine schöne Taschenuhr? Die Savonnette lässt sich beidseitig öffnen. Dank der Skelettierung sieht man nicht nur ihr Herz schlagen, sondern versteht, wie die einzelnen Teile des Werks zusammenarbeiten – und begreift das Wunder Uhr. Ausserdem liegt sie so angenehm in der Hand, dass man sie nicht mehr in die Tasche zurückstecken möchte.»


Gian-Marco Castelberg, Fotograf: Les Grandes Classiques Collection – Chrono (Ref. A69989 AA05, limitiert auf 199 Stück), 44 mm, 3280 Franken
«Die roten Details auf anthrazitfarbenem Grund, die Leuchtzeiger, der Datumsring, die Mondphasenanzeige: Was für eine ästhetisch stimmige Uhr! Auch das rhodinierte Werk darf sich (durch den Sichtboden) sehen lassen mit seinen gebläuten Schrauben, perlierten Brücken und Genfer Streifen. Dank 28 800 Schwingungen pro Stunde läuft es erst noch höchst zuverlässig und präzise.»



