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Erinnerungen in Türkis

Nach einem Umzug blieben die Ohrringe ihrer Grossmutter verschollen: Bestsellerautorin Silvia Aeschbach machte sich auf die Suche nach Ersatz – und wurde bei Beyer fündig.

Das coolste Mädchen der Klasse hatte sich über das Pult gebeugt, die Ohrringe der schüchternen Mitschülerin gemustert und befunden: «Die sind schön, die würde sogar ich tragen.» Es war mehr als ein Kompliment, es war eine Art Ritterschlag, Silvia Aeschbach erinnert sich an das Erlebnis vor 40 Jahren, als wärs gestern gewesen. Und wenn sie auch erst viel später «zu einem Schmuckmädchen » werden sollte: Die Ohrhänger ihrer Grossmutter liebt sie, seit sie denken kann. Nicht zuletzt, weil sie ihr Grosi nie kennenlernen durfte und der Schmuck die einzige greifbare Erinnerung an sie ist. Und dann, nach einem Umzug, konnte Silvia Aeschbach die Ohrringe nicht mehr finden. «Ich stellte alles auf den Kopf», erzählt sie. «Und dann gleich nochmals. Doch sie blieben unauffindbar.» Zuerst dachte sie, sie vermisse die Schmuckstücke bloss aus Nostalgie. Dann spürte sie den Schmerz über den Verlust immer grösser werden. Sie sah sie vor sich: die fünf stilisierten türkisfarbenen Vergissmeinnicht-Blüten aus Keramik, die sich um einen kleinen Edelstein ranken, klein und zart und so typisch für das ausgehende 19. Jahrhundert. Und sie fasste einen Entschluss: Sie würde nach einem identischen Paar
suchen, auch damit die Erinnerung an ihre Grossmutter nicht verblasst.

«WIR KREBSE GELTEN ALS SENTIMENTALE HORTER LIEB GEWONNENER DINGE.»

Facebook sei Dank
Die Journalistin begann, im Internet zu recherchieren. Sie fand Vergleichbares. Doch mal war eine Auktion gerade abgelaufen, mal zog eine Besitzerin in letzter Sekunde ihr Angebot zurück. Es wollte einfach nicht klappen mit dem Ersatz. «Das
Projekt wurde zu einer kleineren Obsesgrössersion», sagt Silvia Aeschbach und schmunzelt. Schliesslich startete sie einen Aufruf auf Facebook. Zahlreiche Kommentare rieten ihr zum Gang zu einem Goldschmied, um die Ohrhänger rekonstruieren zu lassen. Ein befreundeter Journalist gab ihr den Tipp, es bei Carlo Mutschler im Atelier von Beyer zu versuchen.

Sie legte Mutschler ihre Ideen dar und brachte zum Treffen Fotos von Fundstücken aus dem Internet mit; von ihren Originalen gab es keine Nahaufnahmen. Aber auch so stellte Mutschler schnell fest: «Frau Aeschbachs Ohrhänger müssen sehr klein gewesen sein, wie man das damals eben getragen hatte. Heute würden solche Proportionen eigenartig wirken.»

In mehreren Gesprächen erörterte der erfahrene Schmuckfachmann die Wahrnehmung von Schmuck und die richtigen Proportionen, auch wenn man ihn als Understatement trägt, und erstellte kurzerhand eine Skizze, auf der er fünf runde Türkise drapierte und in der Mitte einen braunen Diamanten. Silvia Aeschbach war angetan von diesem Entwurf, «obwohl mir die Ohrringe doch deutlich grösser schienen, als ich mir das vorgestellt hatte». Doch sie hatte Vertrauen in die Kunstfertigkeit Mutschlers.

Wenige Wochen später waren die Ohrringe fertig, Silvia Aeschbach liess sie sich anstecken und schaute gespannt in den Spiegel: «Es war ein eigenartiger Moment», erzählt sie: «Das Resultat gefiel mir, aber es waren eben nicht die Ohrringe
meiner Grossmutter. Nicht nur weil sie grösser, sondern auch weil sie ganz einfach nicht das Original sind.» Doch plötzlich gefiel ihr dieser Gedanke: Die verlorenen Ohrhänger konnte ihr niemand zurück-bringen. Jetzt trug sie eben eine moderne Interpretation am Ohr – eine Art Hommage an ihre Grossmutter.

Schreiben statt schauspielern
Natürlich hofft sie insgeheim noch immer, dass die Originale wieder auftauchen. «Ich bin im Sternzeichen Krebs, wir gelten als sentimentale Horter lieb gewonnener Dinge und Erinnerungen. Bei mir geht das so weit, dass ich in alten Tagebüchern lese, um wichtige Geschehnisse in meinem Leben wach zu halten. Ich bereue zutiefst, dass ich viele Briefe und Tagebücher weggeschmissen habe; aber ich konnte ja nicht alles behalten als die Vielschreiberin, die ich schon immer war.»

Die Liebe zum Schreiben war über Umwege zu Silvia Aeschbachs Beruf geworden. «Eigentlich liebäugelte ich mit der Schauspielerei, doch meine Eltern rieten mir zu einer sicheren Ausbildung.» So studierte Aeschbach an der Pädagogischen Hochschule und arbeitete zwei Jahre als Kindergärtnerin, bevor sie sich um ein Praktikum beim Radio bewarb. Daraus wurden 30 Jahre Journalismus, unter anderem als Redaktorin bei der «annabelle», als Moderatorin beim Schweizer Fernsehen, als Chefredaktorin des Frauenmagazins «Meyer’s» und als Co-Chefredaktorin von «encore!», dem Lifestyle-Magazin der «SonntagsZeitung».

Mit 50 Jahren kam die Zäsur. «Ich bekam eine junge Chefin, die mit mir nichts anfangen konnte.» Die erfahrene Medienfrau musste sich beruflich neu orientieren: «Ist das nicht interessant? Auch hier war ich mit der Thematik konfrontiert, entweder Altem, Verlorenem nachzutrauern oder aus den Erinnerungen heraus etwas Neues zu kreieren.» Sie begann, neben Kolumnen auch Bücher zu schreiben – mit riesigem Erfolg. Schon ihr zweites Buch, «Älterwerden für Anfängerinnen. Willkommen im Klub!» (2016), wurde zum Bestseller und stand fast ein Jahr lang auf Platz eins der beliebtesten Schweizer Sachbücher.

Jahr für Jahr folgte ein weiterer Hit. Silvia Aeschbach hat es sich zur kleinen Gewohnheit gemacht, sich für ihre Bücher mit einem Schmuckstück zu belohnen. Gut möglich also, dass sie wieder einmal im Atelier von Beyer vorbeischauen wird.


Die Erfolgsautorin
Ihre journalistische Karriere führte Silvia Aeschbach (1960) vom Radio übers Fernsehen bis in die Chefredaktion verschiedener Magazine. Auch als Kolumnistin für die «Coopzeitung», als Bloggerin («Von Kopf bis Fuss») und als Buchautorin (u.a. «Älterwerden für Anfängerinnen») reiht sie Erfolge aneinander. Aeschbach lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden im Enge-Quartier.

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