Wenn es einen Schweizer Kanton gibt, der beide Seiten des Röstigrabens verkörpert, dann ist es Freiburg. Er ist nicht nur deutsch- und französischsprachig zugleich, sondern liegt auch in unmittelbarer Nähe zu den Hochburgen der Uhrmacherkunst – zwischen Genf und Biel. So nah, dass er selbst bald von der Dynamik der Branche erfasst wird?
Vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit, eine der wenigen Uhrenmanufakturen zu besuchen, die sich im Kanton Freiburg niedergelassen haben: SwissKubik, den Spezialisten für Uhrenbeweger. Auf dem Weg fuhren wir an der imposanten Fabrik von Cartier in Villars-sur-Glâne vorbei. Einer der Pioniere dieser Luxusmarke, Jean-Jacques Paolini, wurde jüngst mit dem Prix Gaïa in der Kategorie Unternehmensgeist ausgezeichnet, namentlich für die Einführung des Lean-Manufacturing-Ansatzes in der Uhrenbranche.
In Villars-sur-Glâne liess sich Cartier 1972 nieder – ursprünglich, um Feuerzeuge herzustellen. Dreissig Jahre später wurde das Werk erweitert und zu einer Uhrenmanufaktur ausgebaut: An diesem Standort, der etwa 250 Mitarbeitende beschäftigt, fertigt und montiert die Marke Uhren aus Edelstahl und Gold.
Ebenfalls im Kanton Freiburg habe ich vor einigen Jahren eine dieser unternehmerischen Perlen entdeckt, die das Geheimnis der Uhrmacherkunst in sich bergen: Mauron Musy. Die 2013 gegründete Marke hat gerade eine neue Produktionsstätte in Saint-Aubin im Broyetal eröffnet. Sie zeichnet sich durch ihre Innovationskraft aus und hat ein Patent auf ihre nO-Ring-Technologie angemeldet: ein mechanisches Dichtungssystem ohne Gummidichtungen. Ausserdem trägt sie das Label «Swiss Crafted»: Alle Komponenten – Uhrwerk, Gehäuse und Zifferblatt – werden in der Schweiz entworfen, hergestellt und montiert, viele davon in einem Umkreis von 60 Kilometern um die Manufaktur.
ZEITENWENDE IN FREIBURG
Trotz der Präsenz dieser Unternehmen konnte Freiburg bisher kaum mithalten mit der uhrmacherischen Dichte, wie sie in Genf, Biel, Neuenburg und Schaffhausen sowie im Vallée de Joux zu finden ist. Doch obwohl er auf der Landkarte der Uhrmacherkunst noch weitgehend fehlt, könnte der Kanton Freiburg bald eine wichtige Rolle spielen – denn die Ankunft von Rolex wird einiges verändern. 2022 kündigte der Riese mit der Krone im Logo den Bau eines Produktionsstandorts von noch nie da gewesener Grösse in Bulle an.
Das Projekt mit einem geschätzten Budget von einer Milliarde Franken sieht eine Industriefläche von über
261'000 Quadratmetern vor und dürfte mehrere Tausend direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen. Gemäss Zeitplan soll die Inbetriebnahme schrittweise bis zum Jahr 2029 erfolgen. In der Zwischenzeit hat Rolex bereits begonnen, die ehemalige Tetra-Pak-Fabrik in Romont als vorübergehenden Standort für Schulungen und Produktion zu nutzen.
Die Vorteile von Freiburg? Der Kanton liegt ideal zwischen Lausanne und Bern und ist – gemessen am Durchschnittsalter der Bevölkerung – der jüngste der Schweiz. Für Freiburg ist das Projekt ein Wendepunkt: Es rückt den Kanton auf die Landkarte der Uhrmacherkunst. Die Wirtschaftswelt bereitet sich auf diese neue Dynamik vor: Cartier und Rolex haben bereits angekündigt, ab nächstem Jahr bei der Ausbildung von Lernenden zusammenzuarbeiten. Und die Uhrmacherei macht sich bereit, ein neues Kapitel inmitten des Röstigrabens aufzuschlagen.
INSIDERWISSEN
Der Genfer Serge Maillard ist Journalist und Herausgeber des renommierten Uhrenfachmagazins «Europa Star». europastar.com



