Audrey Werro fliegt über die Tartanbahn, läuft allen davon, wird am Ende doch noch von der Britin Georgia Hunter Bells eingeholt, wehrt den Angriff um Haaresbreite ab, lässt sich mit Landesrekord vom ekstatischen Publikum über die Ziellinie tragen und stemmt wenig später die prestigeträchtige Diamond Trophy in den Nachthimmel – als erste Schweizer Athletin überhaupt.
Zur selben Zeit sitzt Damian Ahcin in der Werkstatt des Beyer-Ateliers und spannt ein mit einer Silberschicht überzogenes, gebürstetes und lackiertes Messingplättchen auf den Schlitten der Graviermaschine. Das Logo der Diamond League und die Disziplin hat er vorbereiten können. Was noch fehlt, ist der Name. Ahcin gibt ihn ein und überprüft auch diesmal bei zwei verschiedenen Quellen, ob er ihn richtig geschrieben hat. Einen kleinen Moment muss er warten, bis die Schiedsrichter den Sieg von Audrey Werro bestätigen, dann drückt er auf einem Joystick den grünen Knopf. Das Gerät schwenkt den Kopf mit dem spitzen Hartmetallstichel zum Plättchen, beginnt zu surren und fräst, dass die Spänchen fliegen.


EIN POKAL MIT SYMBOLKRAFT
Seit 2010 fertigt Beyer die 4,9 Kilo schweren Trophäen für die Diamond League: Als Eyecatcher dominiert ein übergrosser Glasdiamant. Sein Schliff mit 57 Facetten entspricht dem eines echten Brillanten und steht symbolisch für die Einzigartigkeit der Athletinnen und Athleten, die zur Perfektion gereift sind und in ihrem Erfolg alles überstrahlen. Der ziegelrote Gummigriff wiederum ist aus demselben Material wie die Conica-Leichtathletikbahn im Letzigrund-Stadion, die Form eine massstabsgetreue Verkleinerung des Zürcher Ovals. Der schwarze Granitsockel schliesslich vermag die unbändige Kraft ruhigzustellen: Er steht für den harten, steinigen Weg zum grossen Erfolg.
Die 32 Plaketten für die Trophäen, die in 16 Disziplinen sowohl bei den Männern wie bei den Frauen vergeben werden, entstehen parallel zum Leichtathletik-Meeting im stillen Kämmerchen bei Beyer. Es ist ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit, denn die mit den Siegernamen beschrifteten Schildchen müssen schnellstens an die Sockel der Pokale, 23.30 Uhr ist die Richtzeit, die Uhr tickt.
Damian Ahcin lässt den Fräskopf ein zweites Mal über das Schild rotieren, um auch den Hauch einer Unebenheit ausschliessen zu können. Damit das Metall ob dieser Verletzung nicht oxidiert und man den Namen auch in weiter Zukunft noch lesen kann, tupft Ahcin mit einem Abzugsgummi schwarzen Nitrolack in die Vertiefung. Spätestens hierfür trägt er an beiden Daumen, Zeige- und Mittelfingern Schutzgummis, denn der Lack trocknet sehr schnell und ist von der Haut nur schwer zu entfernen. «Das grösste Fiasko aber wäre», lacht Ahcin, «wenn ich durch eine hastige Bewegung das Töpfchen mit dem Lack umstossen würde.» Also immer schön sachte! Was an Farbe auf dem Schildchen verschmiert , wischt Ahcin mit einem in Brennsprit getauchten Küchenpapier weg. Auf Wunsch des Fotografen spult er die Übertragung an jenen Punkt zurück, an dem Audrey Werro entzückt in die Kamera lächelt und auf den Pokal zeigt. Und er hält die fertige Plakette davor. Klick. Bald wird das Schild an Werros Pokal finden. Zuerst aber muss Ahcin die Namen der restlichen Siegerinnen und Sieger gravieren.
MIT DEN «SIEGERN» DURCH DIE NACHT
22 Uhr: Während im Letzigrund die Stars nochmals ins Rampenlicht treten und vom Publikum gefeiert werden, poliert Ahcin die letzte Plakette, legt sie, sorgsam verpackt, zu den 31 anderen in eine Schachtel, klemmt sich diese unter den Arm, löscht das Licht und hastet zum Parkplatz. Im Firmenwagen geht es durch das nächtliche Zürich und gegen den Zuschauerstrom, der vom Letzigrund in die City drängt, Richtung Hotel Renaissance, wo die Athleten zum Essen erwartet werden und ein Gewusel aus Supportern, Fans und Gästen herrscht. Es ist 22.15 Uhr, und ein erstes Ziel ist geschafft: Wir treffen noch vor den Pokalen ein, die von Helfern im Stadion abgeholt werden.
Nüchtern und unglamourös geht es in die Schlussrunde: Die 32 Pokale, inzwischen auf einem Trolley in ein Sitzungszimmer gefugt, werden von Damian Ahcin so positioniert, dass das Beyer-Logo in ihrem Herzen nach vorn schaut. Mit einem Stabilisator klebt Ahcin die Plaketten auf die Pokalsockel, schliesst die mit dunkelblauem Samt bezogene Box und reicht sie einer Helferin, die sie in eine zweite Schachtel legt und diese mit einer Tragschlaufe sichert. Weitere Helfer nehmen sie ihr ab und machen sich auf die Suche nach den Gewinnern, was nicht ganz einfach ist, da längst nicht alle zum Essen erschienen sind. Leider dürfen wir nicht mit, uns fehlt die nötige Erlaubnis.
Es ist 23.21, vor uns liegt nur noch ein letzter Pokal – der von Audrey Werro, der überragenden Schweizer Siegerin über 800 Meter. Damian Ahcin poliert Pokal und Plakette besonders sorgfältig, und bevor wir die Box schliessen, packen wir zwar unsichtbare, aber umso herzlichere Glückwünsche mit ein. Das war Weltklasse!




