An interview with René Beyer

Grosses Kino

Breitling-Chef Georges A. Kern und René Beyer treffen sich zu einem Gespräch im Filmpodium Zürich. Sie blicken auf die Kinoleinwand – und in die Zukunft der Luxusindustrie.

Beyer Chronometrie

Das Gespräch fand Mitte Januar statt – bevor das Coronavirus die Prioritäten verschob.
 

Georges Kern ist nicht nur einer der erfolgreichsten Uhrenmanager der Schweiz. Auch als Spielfilmproduzent beweist er ein feines Händchen. Für seinen Erstling «Mon Chien Stupide» schaffte er das schier Unmögliche und sicherte sich die Filmrechte an John Fantes gleichnamiger Novelle. Er setzte Yvan Attal als Regisseur ein, der Franzose mimt auch die Rolle des frustrierten Familienvaters, der einen streunenden, unerzogenen Hund bei sich aufnimmt. An seiner Seite spielt Superstar Charlotte Gainsbourg, Attals Partnerin im realen Leben. Das Ergebnis ist eine rührende, durch und durch französische Tragikomödie. «Und das Beste», verrät Georges Kern: «Wir haben so viel wunderbares Material, wir können daraus eine richtig gute Serie machen.»

Bei der Privatvorführung reicht es zwar nicht für den ganzen Film, aber für Ausschnitte: Georges Kern und René Beyer geniessen sie im Zürcher Filmpodium. Das Lichtspieltheater unweit der Beyer Chronometrie ist das älteste in seinem Urzustand existierende Kino der Stadt und eines der wenigen erhaltenen Zürcher Zitate aus der Bauhauszeit. René Beyer erinnert sich, in diesem Raum als Jugendlicher den Duft der grossen weiten Filmwelt geschnuppert zu haben. «Irgendwie ging mir dieses schöne Kino im Laufe der Zeit vergessen, ich schaue Filme lieber in Ruhe zu Hause an, eigentlich schade.» Georges Kern, ein leidenschaftlicher Kinogänger, ist das erste Mal hier – und begeistert von der Architektur. Keine geraden Fassaden, keine Ecken, alles schwebend; ein fliessender Übergang zwischen Realität und cineastischer Fiktion.

Im Foyer lösen unzählige kleine Spiegel den Raum auf und werfen den Alltag zurück auf die Strasse. Im Grunde ein Sinnbild für die Welt der Luxusindustrie, die sich mal wieder transformiert. Bei einem Kaffee wird sie bald zum Thema werden zwischen den beiden Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Georges Kern, der disziplinierte Manager, der die Ambition hat, in allem, was er tue, besser sein zu wollen als die anderen, ein leidenschaftlicher Velorennfahrer, aber nicht zuletzt ein Stratege, der nicht eher ruht, bis die kühnsten Träume Realität werden. Auf der anderen Seite René Beyer, in achter Generation in der Pflicht, die Geschichte des traditionellen Familienunternehmens erfolgreich weiterzuschreiben, ein feinfühliger Bauchmensch, den Genüssen zugetan und der Nostalgie alter Trams, vor allem aber dem Wohl der weiten Welt wunderlicher Uhren, die er im Beyer Museum für die Nachwelt aufhebt. «Ich mag nicht zu viel Struktur und schon gar keine Protokolle», sagt er. «Ich möchte spontan entscheiden können.»

Die Suche nach dem Sinn im Luxus.

Die beiden Uhren-Aficionados, beide Mitte fünfzig, betrachten die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven. Während bei Georges Kern das Image einer Uhr an erster Stelle steht («Eine Uhr spiegelt stets den Charakter ihres Trägers»), ortet René Beyer den wahren Wert in ihrer technischen Raffinesse. Das fast unglaubliche Zusammenspiel von Rädchen und Schwingungen zum poetischen Perpetuum mobile auf kleinstem Raum ist dem gelernten Uhrmacher mindestens so wichtig wie Optik und Image.

Einig sind sich die beiden, dass sich die Welt des Luxus gerade wieder grundsätzlich wandelt. «In den letzten 40 Jahren durchliefen wir drei Phasen», resümiert Georges Kern. «Phase eins war der traditionelle Luxus, den wir aus den 80er-Jahren kennen, mit Nerzmänteln und viel Prunk. Man musste froh sein, wenn man sich angesagte Marken leisten konnte und sie tragen durfte.» Dann habe sich der Luxus demokratisiert, die Marken begannen, mit den Kunden zu interagieren, um sie an sich zu binden. «Heute stehen wir am Anfang der dritten Phase», erklärt Kern. «Die Konsumenten suchen im Luxusprodukt einen Sinn, man muss ihnen mehr bieten können als eine schöne Hülle. Das beherrschende Thema der Zukunft ist die Nachhaltigkeit.»

Mit den Füssen im Sand.

Georges Kern ist ein Meister des Storytellings. Den Markenauftritt und die Kommunikation von Breitling krempelte er grundlegend um und führte das Squad-Konzept ein, das der Kampagne zugrunde liegt. Jede Squad besteht aus drei Persönlichkeiten, die auf ihren Gebieten zu den Weltbesten zählen. Bei der Surfers Squad sind dies Kelly Slater, Sally Fitzgibbons und Stephanie Gilmore. Zur Triathlon Squad gehören Daniela Ryf, Chris McCormack und Jan Frodeno. Die Explorers Squad setzt sich zusammen aus den Pionieren und Abenteurern Bertrand Piccard, David de Rothschild und Inge Solheim. Alles genauso Koryphäen und Meister ihres Fachs wie die Mitglieder der Cinema Squad mit dem eben gekürten Oscar-Gewinner Brad Pitt, der unvergleichlichen Charlize Theron und Adam Driver.

Georges Kern setzt auf Glaubwürdigkeit statt auf Schein und lädt gute Kunden nicht zu Galadiners ein, sondern auf die Surfranch des elffachen Weltmeisters Kelly Slater. Der Zuspruch gibt ihm recht: Innert weniger Monate hat er Breitling weg vom reinen Fliegerimage als Marke positioniert, die historisch verankert im Wasser, an Land und in der Luft zu Hause ist. Und dabei ziemlich entspannt wirkt. «Luxus wird zugänglich, das Formelle fällt weg», betont Georges Kern, nimmt einen Schluck Wasser und lehnt sich im Sessel nach vorn. «Menschen, die sich Luxus leisten können, waren an genügend vielen Candle-Light-Dinners. Sie lassen den Smoking lieber im Schrank hängen und wollen mit den Füssen im Sand an einer Zukunft mitwirken, die Sinn stiftet.»

Ich möchte Filme produzieren, aber auch einmal Regie führen.
Gespür für gute Geschichten, stilvolle Ästhetik und die richtigen Züge auf dem Schachbrett. Georges Kern.

Sosehr René Beyer das «alte» Breitling seines Freundes Teddy Schneider schätzte, so gross ist seine Anerkennung für die Neuerungen von Georges Kern. «Breitling war nicht mehr zeitgemäss, auch Schneider hätte im Fall eines Nichtverkaufs einiges verändern müssen.» 2017 ging die unabhängige Grenchner Manufaktur an die Investment-Firma CVC über. Diese ist bekannt dafür, Marken fit zu trimmen und wieder zu verkaufen. Georges Kern ist nicht nur CEO von Breitling, sondern auch Mitinvestor. «Ohne eine solche Möglichkeit wäre es für mich nicht interessant gewesen», sagt er bestimmt. Bei einem Verkauf von Breitling besässe er endlich die Zeit, die es bräuchte, um in der Welt des Films aufzugehen und auch mal Regie zu führen. Mit seinem Gespür für gute Geschichten, stilvolle Ästhetik und die richtigen Züge auf dem Schachbrett wäre es nicht verwunderlich, wenn Georges Kern nach Stationen in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz irgendwann über einen Umzug nach Hollywood nachdenken würde.

Noch aber gehört Kern zu den prägenden Köpfen der Uhrenindustrie und freut sich über einen starken Partner in Zürich. «Die Beyer Chronometrie ist der Platzhirsch. Die Kundschaft, die hier einkauft, bleibt diesem Haus treu, das den vielen Veränderungen der Branche getrotzt und seine Werte erhalten hat. Jede Marke kann stolz sein, zu diesem aussergewöhnlichen Kosmos zu gehören.»

Der Perfektionist.

Georges A. Kern (1965) gilt als einer der erfolgreichsten Uhrenmanager. Für den Luxusgüterkonzern Richemont integrierte er die Marken A. Lange & Söhne, Jaeger-LeCoultre und IWC Schaffhausen. Mit nur 36 Jahren wurde er CEO von IWC Schaffhausen, die er mit grossem Erfolg etablierte. 2017 wurde er Uhrenchef von Richemont. Nach wenigen Monaten verblüffte er die Uhrenwelt, indem er als CEO und Mitinvestor zu Breitling wechselte. Kern ist verheiratet, Vater zweier fast erwachsener Kinder und lebt in Zürich.

Das Filmpodium.

Rund 350 Autorenfilme zeigt das Filmpodium an der Nüschelerstrasse 11 jährlich – mehr als alle kommerziellen Kinos in Zürich zusammen. Mit seinem unter Denkmalschutz stehenden Interieur im Bauhausstil gilt es als ältestes erhaltenes Kino der Stadt – und in den Augen vieler auch als ihr schönstes. 

filmpodium.ch

Text: Matthias Mächler
Fotos: Gian Marco Castelberg