Falls Sie das letzte beyond gerade nicht zur Hand haben, hier eine Zusammenfassung unserer Ouvertüre: Im Federhaus schlummert zusammengerollt die Aufzugsfeder. Indem wir die Aufzugskrone drehen respektive die Schwungmasse mobilisieren, aktivieren wir den Federkern, der die Aufzugsfeder aufwickelt. Sie spannt sich gegen ihren Strich und will nichts anderes als in den Urzustand zurück, wird aber daran gehindert. Das Ergebnis ist Spannung und somit Energie, die hier im Federhaus gespeichert und sorgfältig kontrolliert abgegeben wird.
Womit wir beim Räderwerk sind. Es lässt aus dieser rohen Federkraft gleichmässige Zeit werden. Und das geht, einfach gesagt, so: Das Federhaus dreht sich beim Ablaufen langsam, aber mit beträchtlicher Kraft, und greift mit seinen Zähnen in das erste Rad des Räderwerks. Dieses dreht sich bereits etwas schneller und gibt die Bewegung an das nächste Rad weiter. So setzt sich eine Kette von Zahnrädern, Trieben und Übersetzungen in Gang, die so berechnet sind, dass sie am Ende – da, wo zum Beispiel ein Zeiger angebracht ist – die richtige Drehfrequenz erreichen, um die Zeit anzuzeigen.
Dieses Getriebe besteht aus mindestens drei Haupträdern: dem Grossbodenrad, dem Kleinbodenrad und dem Sekundenrad. Nehmen wir ein gängiges, einfaches Uhrwerk, zum Beispiel das ETA 6497 (siehe rechts). Hier ist das Grossbodenrad das Minutenrad: Die Welle in seiner Mitte geht durch das gesamte Werk; auf ihrem Kopf sitzt der Minutenzeiger. Das Grossbodenrad greift mit seinen Zähnen ins Kleinbodenrad. Dieses dient einzig der Übersetzung, damit die Energie optimal ins Sekundenrad gelangt. Denn für den Sekundenzeiger brauchen wir ja ein anderes Tempo als für die Minute. Je mehr Anzeigen und Komplikationen unsere Uhr hat, desto mehr Zahnräder braucht es. Sie alle sind am selben Kraftfluss angehängt, übersetzen aber individuell die Energie in die benötigte Drehfrequenz.
Was also im Räderwerk zwischen Energiespeicher und Hemmung passiert, ist grossartige Geometrie: die Bewegung von Körpern durch Ort, Zeit, Geschwindigkeit und Beschleunigung. Dabei spielen nicht nur die Räder eine Rolle, sondern auch die Form ihrer Zähne – und die des Zwischenraums. Die mathematischen Gleichungen dazu ersparen wir Ihnen. Wir dürfen ja nicht voraussetzen, dass alle Leserinnen und Leser so nerdig drauf sind wie wir Uhrmacher.

Vom Federhaus gelangt die Kraft gleichmässig ins Räderwerk, wo es für die einzelnen Komponenten übersetzt wird.

- Federhaus
- Minutenradtrieb
- Minutenrad
- Kleinbodenradtrieb
- Kleinbodenrad
- Sekundenradtrieb
- Sekundenrad
- Hemmungsradtrieb
- Hemmungsrad
- Anker
- Unruh-Spiralsystem

DAMIAN AHCIN
… arbeitet seit 2013 im Uhrenatelier der Beyer Chronometrie und ist seit 2023 dessen Leiter. Der Uhrmacher-Rhabilleur hat grössten Respekt vor Aufzugsfedern, seit er während der Ausbildung an der Uhrmacherschule die tiefen Kerben untersuchte, die entwischte Federn in der Wand hinterlassen hatten. Das Uhrenatelier Beyer beschäftigt an der Bahnhofstrasse 31 und im Grossuhrenatelier in Zollikon zehn Uhrmacher und zwei Uhrmacherlernende.



