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Meiers Theorie

Warum scheint die Zeit immer schneller zu ticken? Dieter Meier überrascht René Beyer mit einer spannenden These.

Die Passantin mit den auffälligen Tattoos bringt kaum einen Satz zustande. «Oh my god, oh my god!», stammelt sie und schafft es dann doch noch, Dieter Meier um ein Selfie zu bitten. «Aber selbstverständlich», sagt dieser, legt den Arm um die Frau und verabschiedet sich dann galant. Er grüsst ein Grüppchen, das tuschelnd stehen geblieben ist, und widmet sich wieder ganz René Beyer. «Da oben war unsere erste Wohnung», sagt er und zeigt in der Fortunagasse auf ein Fenster im zweiten Stock der Altstadtfassade: «Zwei Zimmer, tiefe Decke, man sah ein bisschen Grün vom
Lindenhof, wir waren glücklich.»

«Zürich ist die Stadt, die mich geprägt hat und mich auch heute noch prägt. Wenn ich von meinen Reisen heimkomme, schreite ich als Erstes meine alten Wege ab, vom Zürichberg runter zum ‹Ilgen›, wo ich zur Schule ging. Ich streife auch gern durch die Altstadt, à la recherche du temps perdu, wie Marcel Proust es formulierte. Hier kannte ich als Bub jeden Winkel, weil ich, so oft es ging, meinen Grossvater am Standplatz Stadelhofen besuchte. Er war Taxifahrer beim Winterhalder, und wenn ich ihn fand, gab er mir immer 20 Rappen, um am Automaten Zuckerzeug rauszulassen.» (Dieter Meier)

An diesem sonnigen Herbstnachmittag treffen sich Dieter Meier und René Beyer, um über das Wesen der Zeit zu reden. Und über Uhren natürlich: Die beiden sassen zusammen in der Jury des Grand Prix d’Horlogerie in Genf, die jeden Frühling die neuen Modelle wichtiger Manufakturen beurteilt. Was vielleicht weniger bekannt ist: Dieter Meier kann nicht nur Wein, Rindfleisch, Schokolade, Literatur und Yello, er war auch 30 Jahre lang Miteigentümer der Uhrenfirma Ulysse Nardin. Er ist ein Fan, seit er zur Konfirmation seine erste Uhr bekam, «eine viereckige» aus Stahl, die Marke ist ihm entfallen. In den 1990ern lancierte er eine Recycling-Uhr aus gebrauchten Alu-Dosen mit einem Armband aus Autositzen: Mit der «ReWatch» war er 20 Jahre der Zeit voraus.

«Man wünscht sich dringend mehr Meier in der Uhrenindustrie: andere Ansichten und Anstösse von aussen. Die Branche ist träge und etwas gar selbstgefällig geworden, auch etwas mutlos. Grosse Innovationen hat es in diesem Jahrtausend noch keine gegeben. Darum sind geniale Köpfe wie Dieter Meier so wichtig – Menschen, die ungewöhnliche Ideen auch formulieren können. Wie Jean-Claude Biver denkt Dieter die Dinge neu. Wie Karl-Friedrich Scheufele setzt er seine Ideen mit viel Stil, Geduld und sicherer Hand um.» (René Beyer)

Den Anfang nahm der Zeitspaziergang im «Ojo de Agua», Meiers kleinem Weinkontor beim Rennweg, diesem intimen, aus der Zeit gefallenen Reduit für Sehnsüchtige. Im Hintergrund seufzt das Bandoneon des Tango Nuevo, auf dem Holztisch steht eine Flasche vom Feinsten: Jede Traube der «Puro Grape Selection» wurde in drei Durchgängen von Hand verlesen. Meier erzählt von den Projekten in Argentinien, wo er inzwischen rund
80 000 Hektaren bewirtschaftet. Jüngst dazugekommen ist eine Nussplantage am Rio Negro in Patagonien. Dort gibt es weit und breit keinen Strom. Der Betrieb läuft mit Solarenergie, einem der grossen Themen von Dieter Meier, dessen Vermögen in Nachhaltigkeitsprojekten auf der ganzen Welt steckt. In Freienbach wiederum baut er eine Fabrik für seine Grand-Cru-Schokolade aus kalt extrahierten Kakaobohnen, die mit vollem Aroma, aber wenig Bitterkeit verblüfft. Wie schafft der 75-Jährige es nur, dies alles unter einen Hut zu bringen und dabei so gelassen zu wirken? Mehr Zeit als andere steht ihm ja nicht zur Verfügung. «Ich kann gut delegieren», sagt Meier, der sich jeden Morgen eine halbe Stunde mit seinem persönlichen Mitarbeiter bespricht und sein Handy den Rest des Tages dann oft nicht mehr anrührt.

«Das Verrückteste an der Zeit ist, dass sie immer schneller läuft. Für einen Sechsjährigen dauert es unendlich lange, bis der neue Franz-Carl-Weber-Katalog kommt. Aber mit sechs macht ein Jahr ja auch noch einen Sechstel des Lebens aus. Wenn Du siebzig wirst, ist ein Jahr nur noch ein Siebzigstel deines Lebens. Darum wirkt es, als ob die Zeit zunehmend schneller geht.» (Dieter Meier)

Die Fortunagasse führt hinunter zur Schipfe, wo Dieter Meier und René Beyer durch die Fenster des Antiquitätengeschäfts spienzeln. Was sie im Zwielicht sehen, ist offenbar ein bisschen gar renoviert: Die beiden ausgesprochen analog veranlagten Männer ziehen Dinge vor, denen man ihre Geschichte ansieht. «Charakter entsteht auch durch Risse, durch Niederlagen», sagt Meier. Und für Beyer, den gelernten Uhrmacher, gibt es sowieso nichts Schöneres, als wenn eine Mechanik Sachen zum Leben erweckt, «am liebsten hörbar und spürbar», weil dadurch erst die Frage nach einem geheimnisvollen inneren Leben aufkommt. Bestens gelaunt und inspiriert geht es vorbei an plätschernden Brunnen, üppiger Blumenpracht und poetischen Schattenspielen, bis Dieter Meier und René Beyer vor den Schaufenstern der Chronometrie stehen. Wieder halten Passanten an, zücken das Handy. Dieter Meier lässt sich nicht irritieren. Für ihn gibt es in diesem Moment nur René Beyer und die ausgestellten Uhren.

«Ich kann nicht anders: Ich muss bei jedem Uhrengeschäft die Auslage studieren. Bei Beyer bin ich besonders gespannt, weil mich da immer wieder eine antike Trouvaille überrascht. Uhren sind wahre Kathedralen fürs Handgelenk, das einzige legitime Schmuckstück, das ein Mann tragen kann – ausser er arbeitet im Rotlichtviertel und trägt schwere Goldketten. Mit Uhren beginne ich meinen Morgen: Aus den vielleicht 15 Modellen auf dem
Tisch wähle ich die richtige für den Tag. Zurzeit ist es meistens eine robuste Rolex ‹Daytona› in Stahl.» (Dieter Meier)

Und dann tauchen die beiden Aficionados vollends in die Tiefen der Uhrengeschichte: Das Museum im Soussol der Chronometrie Beyer ist eine Premiere für Dieter Meier und einer der Gründe, warum die beiden heute miteinander unterwegs sind. Rund 300 kostbare Uhren erzählen die Geschichte der Zeitmessung von 1400 v. Chr. bis heute. Darunter erste Öluhren und Schattenstäbe, riesige Marinechronometer für die Navigation auf hoher See, fantastische Planetariums- und Renaissance-Uhren und die Rolex, die Sir Edmund Hillary bei der Erstbesteigung des Mount Everest trug. Verspielte Kuriositäten ergänzen die Sammlung, die als eine der bedeutendsten der Welt gilt.

«Allein für das Email-Zifferblatt dieses Exemplars waren 50 Brennvorgänge nötig. Wenn beim 49. ein Fehler gemacht wurde, war die ganze Arbeit vergebens. Zum Teil wurde vier Jahre an einer solchen Uhr gearbeitet. Das war 1640 noch möglich, damals wurden nur wenige Uhren verkauft,
weil sich praktisch nur die Königshäuser welche leisten konnten. Mit aufkommendem Wohlstand witterten die Uhrmacher das Geschäft: Die Uhren mussten immer schneller fertig und in immer grösserer Stückzahl produziert werden. Niemand war mehr bereit, Jahre auf eine einzige Uhr zu verwenden. Solche prächtige Kunstwerke wurden immer seltener.» (René Beyer)

Dieter Meier wirkt in sich gekehrt, fast ein wenig erschlagen von der Wucht der 3400-jährigen Zeitreise. Er staunt über die Vielfalt der Exponate im
Uhrenmuseum, über ihren perfekten Zustand, über die Geschichten, die sich hier dicht an dicht drängen und aus der oft gar wunderlichen Welt der Uhrmacherei erzählen. «Schon in der Jury des Grand Prix d’Horlogerie war ich froh, dass mir René einflüsterte, worauf ich achten muss. Hier sorgen seine Ausführungen für eine zusätzliche Dimension.» Die Widmung im Gästebuch versieht er mit der Skizze seines Konterfeis, dann meint er: «Und jetzt gehen wir rauf, ich möchte heute eine Uhr kaufen.» Besonders interessiere ihn Tudor, die Rolex-Tochter, von deren Entwicklung er viel halte. Welches Modell es schliesslich geworden ist, bleibt selbstverständlich Geschäftsgeheimnis.

Text: Matthias Mächler
Fotos: Gian Marco Castelberg

Beyer Chronometrie