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«Probieren Sie die Uhr an wie ein Kleid»

Als Designverantwortliche ist sie die höchste ästhetische Instanz von Patek Philippe: Sandrine Stern über Frauenförderung, kreative Prozesse und ihren Charakter als Chefin.

Frau Stern, die Uhrenbranche entdeckt gerade die Frau – als Kundin für komplizierte Uhren, aber auch als potenzielle Ergänzung im fast immer rein männlichen Kader. Bei Patek Philippe wird dies schon lange gepflegt, warum? Weil Patek Philippe die Frauen schon immer ernst nahm. Wir verstanden das Kunsthandwerk der Uhrmacherei nie nur als Männersache und führten nebenbei noch ein paar Alibi-Quarzührchen. Entsprechend waren uns die Ideen derer schon immer wichtig, die die Damenuhren auch tragen, also der Frauen selbst.

Sie sind seit 22 Jahren bei Patek Philippe und führen seit 2010 die Designabteilung. Wie wächst man in diese Rolle? In meinem Fall geschah das ganz organisch. Ich durfte immer mehr Verantwortung übernehmen, habe Sprosse um Sprosse erklommen – und hatte Glück: Je wichtiger die Kreation wurde, umso besser qualifiziert war ich. Meine Fähigkeiten wuchsen sozusagen parallel zu den Ansprüchen an diesen Job.

Mussten Sie besondere Leistungen erbringen, weil Sie eine Frau sind? Nein, und ich denke, das hat nicht nur mit meiner speziellen Situation als Ehefrau des Chefs zu tun. Schon vor Thierry habe ich mich behauptet und an meiner Selbstsicherheit, Entschlossenheit und Präzision gearbeitet. Ich bin der Meinung, dass man sich – gerade als Frau – nicht an Klischees orientieren und in die Selbstmitleidsfalle tappen sollte. Unsere Industrie wird von Männern dominiert, so wie die Auto- oder die Pharmaindustrie auch. Und natürlich denken und handeln Männer anders. Aber als Frau kann man das adaptieren. Und die Dinge ändern sich zum Glück. Firmen mit Frauen in führenden Positionen beweisen sich immer öfter als intelligentere Firmen.

Was ist die grösste Herausforderung in der Kreation bei Patek Philippe? Ideen verwirklichen braucht Energie. Zeichnen, entwerfen und Lösungen finden passiert nicht auf Knopfdruck. Man muss ein Ambiente schaffen, in dem die Mitarbeitenden angenehm arbeiten können. Kreative Menschen sind oft sensibler als andere. Vertrauen ist wichtig, ja zentral: In der Kreation arbeiten wir ganz klar als Team und nicht als Einzelkämpfer.

Wie würden Sie sich als Chefin charakterisieren? Ich bin dickköpfig, sehr sogar! Ich sehe jedes Detail, jede noch so kleine Unperfektheit. Ich habe Schwächen wie jeder, aber eine meiner Stärken ist das Auge. Und der Wille, den Weg bis ans Ende zu gehen. Ich denke aber nicht, dass das ein weiblicher Charakterzug ist, sondern eine Frage der Persönlichkeit.

Was steht am Anfang einer neuen Uhr: die Technologie oder das Design? Am Anfang und auch im Zentrum jedes Prozesses steht der Austausch zwischen den Abteilungen. Die Firma ist gross, bei uns kann nicht jeder für sich in seiner Ecke arbeiten. Wenn wir ein neues Uhrwerk entwickeln, fangen wir mit der Recherche und der Kreation des Designs an, bevor das Werk gebaut ist. Kennen wir das Werk, kreieren wir darum herum.

Werden Werke auch speziell für Ihre Designs gebaut? Nein, denn es dauert fünf Jahre, bis ein neues Uhrwerk entwickelt ist. An einem Gehäuse arbeiten wir zwei Jahre. Das Gehäuse muss sich am Ende immer dem Werk anpassen.

Wie findet die ureigene Patek-Philippe-Sinnlichkeit ins Design der Damenuhren? Auch das ist ein Prozess: Er wird einerseits von den Ideen aus dem Team gespeist und andererseits durch die lange Tradition unserer Damenuhren. Den femininen Touch suchen wir nicht bewusst, er ist wie in uns drin. Die Farben, die Formen, die Bandanstösse entstehen ganz natürlich. Wir wollen die Weiblichkeit aber nicht übertreiben, sonst wird sie zum Klischee. Sie soll natürlich rüberkommen.


Die gewagteste Idee, die Sie umgesetzt haben? Eine grosse Herausforderung war vor zwei Jahren das neue Design für unseren Bestseller bei den Damenkomplikationen, die «Quantième annuel», den Jahreskalender. Davor hatte ich Respekt, weil das Modell so sehr bei unseren Kunden verankert war, dass ich nicht wusste, wie eine Neuerung akzeptiert wird. Das neue Modell kam in kurzer Zeit genauso gut an. Dann gibt es etwas, über das ich leider erst in ein paar Wochen reden kann.

Ist es nur ein Marketingspruch oder stimmt es, dass Frauen neben schönem Design immer mehr auch nach interessanter Mechanik verlangen? Und ob das stimmt! Deshalb vergrössern wir unsere Kollektion: Wir haben das Glück, dass viele unserer mechanischen Werke klein genug sind, um auch in Damenuhren eingebaut zu werden. So können wir tolle Modelle für den Tag, den Abend und auch für den sportlichen Auftritt anbieten.

Was raten Sie Damen beim Uhrenkauf? Nur etwas: Tun Sie dasselbe, wie wenn Sie sich ein schönes Kleid kaufen – probieren Sie die Uhr an. Ein Kleid steht der einen Person, der anderen nicht. Genauso ist es mit Uhren.

Die Macherin.

Sandrine Stern arbeitete im elterlichen Bijouterie- und Juwelierunternehmen, bevor sie mit 23 einen Job bei Patek Philippe annahm. Es gefiel ihr so gut, dass sie blieb. Heute ist sie Directrice de la création und führt ein 35-köpfiges Team. Sandrine Stern ist mit dem Inhaber und CEO Thierry Stern verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder und wohnen im Kanton Waadt.

patek.com

Text: Marianne Eschbach
Fotos: Annette Fischer

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