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Revolution im Uhrenmuseum

Stellen Sie sich vor: Ein Tag hat nur noch 10 Stunden, eine Stunde 100 Minuten. Genau das passierte 1792 in Frankreich.

Das Löwendenkmal in Luzern hält die Erinnerung an den denkwürdigen Sturm auf das Palais des Tuileries wach: Unter den Klängen der «Marseillaise» drängten am 10. August 1792 an die 40 000 Aufständische in das königliche Stadtschloss in Paris. Louis XVI allerdings war schon früh am Morgen in die Nationalversammlung geflüchtet, beschützt von 150 Schweizergardisten und ihrem Kommandanten, Karl Josef von Bachmann. Die verbliebenen 750 Gardisten wehrten sich nach Leibeskräften – umsonst. Der Angriff ging als Massaker in die Geschichtsbücher ein: Mehrere Tausend Eindringlinge wurden getötet. Und die Schweizergardisten, die nicht ums Leben kamen, wurden später vom Revolutionsgericht zum Tod durch die Guillotine verurteilt.

Die Erstürmung der Tuilerien markierte einen Höhepunkt der Französischen Revolution, das Ende der Monarchie und den Anfang einer etwas chaotischen neuen Zeitrechnung: Am selben Tag noch wurde das «Jahr 1 der Gleichheit» ausgerufen.
Einen Monat später, am 22. September, tagte der Nationalkonvent: Um Staat und Kirche weiter zu entflechten, erklärte er das christliche gregorianische Zeitsystem endgültig für passé und führte mit dem republikanischen Kalender, auch Revolutionskalender genannt, eine neue Zeitrechnung ein. Der 22. September 1792 wurde zum «Tag 1» im «Jahr 1 der Republik».

Die armen Franzosen hatten nun wohl das ungeliebte
Ancien Régime los, mussten sich aber mit neuen Gesetzmässigkeiten anfreunden. Das Jahr umfasste zwar nach wie vor zwölf Monate, diese
besassen jetzt aber aufs Klima verweisende Namen wie Vendémiaire (Weinmonat), Brumaire (Nebelmonat) oder Germinal (Keimmonat) und dauerten alle exakt 30 Tage. Die Woche wurde als solche abgeschafft: Pro Monat gab es drei «Dekaden» à zehn Tage, wobei der zehnte ein Ruhetag war. Sechs zusätzliche Übergangstage wurden als Feiertage am Ende des Jahres angehängt, plus je nachdem auch der Schaltjahrestag.


Doch das wirklich Komplizierte kam erst. Um «dem Prinzip der Vernunft» zu folgen, verordnete der Nationalkonvent seinen Bürgern am 5. Oktober
1973 eine neue Zeiteinteilung. Sie sollte, analog zu Meter und Franc, dem Dezimalsystem folgen und einfacher zu rechnen sein. Ab sofort bestand der Tag bloss noch aus zehn Stunden. Die waren dafür zweieinhalbmal so lang wie zuvor (nach heutiger Zeitrechnung 144 Minuten). Eine Revolutionsstunde umfasste 100 Minuten, eine Minute 100 Sekunden. Neben der allgemeinen Verunsicherung war eines gewiss: Bisherige Uhren hatten ausgedient.

Ein zweiter Stundenzeiger

Natürlich taten sich die Franzosen schwer mit der neuen Zeiteinteilung. Revolution hin oder her: An gewissen Dingen hängt der Mensch. Die meisten blieben (heimlich) beim gregorianischen Kalender, weshalb bei neuen Taschenuhren und Pendulen das Zifferblatt sowohl die neue Dezimal- wie auch die alte Einteilung aufwies. Dank eines zweiten Stundenzeigers war die Kombination relativ einfach konstruierbar. Die bekanntesten Marken dieser Zeit hiessen Berthoud, Firstenfelder, Lenoir und Perrier. Aus welcher Manufaktur die Taschenuhr stammt, die im Uhrenmuseum Beyer ausgestellt ist, wissen wir nicht, sie ist unsigniert. Was man mit Bestimmtheit sagen kann: Sie wurde um 1800 in Frankreich hergestellt. Von einem Goldgehäuse umrahmt, präsentiert das Emailzifferblatt schwarze römische Ziffern für die zehn republikanischen Stunden und rote arabische Ziffern für die 24 herkömmlichen Stunden des Tages. Dazu Dezimalminuten in Zehnerschritten und Duodezimalminuten in Fünfzehnerschritten.
Zwei grosse Zeiger geben die beiden verschiedenen Stunden an, während sich der Minutenzeiger einmal auf der Skala dreht.

"100 JAHRE SPÄTER SCHEITERTEN ÄHNLICHE PLÄNE VON SWATCH"

 

Idee schlummert weiter

Über zehn Jahre mussten die Franzosen mit einer offiziellen und einer inoffiziellen Zeit klarkommen. Irgendwann hatte dann auch die Regierung genug davon, bei den Untertanen vergeblich die Akzeptanz des Revolutionskalenders einzufordern. Zuerst schuf man am 31. März 1802 die Zehn-Tage-Dekade ab und kehrte zur Sieben-Tage-Woche zurück. Schliesslich fielen auch Stunden und Minuten dem Hang zu alten Gewohnheiten zum
Opfer: Durch ein Dekret von Kaiser Napoleon vom 9. September 1805 lief die ungeliebte Zeitrechnung am 31. Dezember 1805 aus.

Was nicht heisst, dass die Vision einer Dezimalzeit für immer begraben worden wäre. Insbesondere zum 100. Jubiläum des republikanischen Kalenders loderte das Feuer für eine Zeitrevolution noch einmal so richtig auf. Im Rahmen der Weltausstellung in Chicago 1893 wurden tatsächlich konkrete Pläne vorgestellt, um die Dezimalzeit per 1. Januar 1901 wieder einzuführen. Die Idee war, den Tag in 100 Einheiten zu teilen, die sogenannten Cés. Sie hätten rund eine Viertelstunde gedauert und aus 10 Decicés respektive 100 Centicés bestanden. Die «Gesellschaft zur Verbreitung der Dezimalzeit» musste 1897 schliesslich doch einsehen, dass die Welt, also Frankreich, nicht bereit war für eine weitere Revolution.

Nochmals 100 Jahre später sollte mit ähnlichen Plänen auch ein Schweizer Unternehmen fulminant scheitern: Am 23. Oktober 1998 stellte Swatch in Anlehnung an die Revolutionszeit die sogenannte Internetzeit vor. Der Tag wäre in 1000 Beats unterteilt worden. Und, das wahrlich Progressive an diesem Plan: Die verschiedenen Zeitzonen hätte es nicht mehr gegeben. Die Welt hätte sich an der «Biel Mean Time» orientiert, wobei diese der tatsächlichen mitteleuropäischen Zeit entsprochen hätte. Swatch warb damit, dass eine solche Zeit gerade bei den aufkommenden Videokonferenzen und Chats mit Teilnehmenden aus der ganzen Welt zu mehr Klarheit führen würde.

Doch die Internetzeit war wenig intuitiv, für
Amerikaner und Asiaten ein Hohn und trotz Dezimaleinheiten viel zu schwer zu rechnen. Ohne entsprechende Uhr (natürlich von Swatch) wäre
sie kaum nachvollziehbar gewesen. Die Pläne verschwanden wieder in der Schublade, wobei es bei Swatch immer wieder hiess, das Projekt sei
noch nicht gestorben, sondern ein sogenannter «quiet ghost» (schlafender Geist).

Ob in 73 Jahren, wenn sich die Einführung der Revolutionszeit zum 300. Mal jährt, ein weiterer Versuch unternommen wird, auch bei der Zeitrechnung ein Dezimalsystem einzuführen, wagen wir an dieser Stelle zu bezweifeln. Umso sicherer aber sind wir: Die enge Verbindung zwischen der Schweiz und Frankreich wird bis dahin bestimmt die eine oder andere spannende Geschichte schreiben.

Weitere Informationen zu unserem Uhrenmuseum finden Sie hier.

Text: Matthias Mächler
Mitarbeit: Monika Winkler

Beyer Chronometrie