Beyer and partner

Tempo, Vintage und Paul Newman

Seine Auktionen garantieren Spektakel, auf seine Einschätzungen hört die Uhrenwelt: Aurel Bacs trifft René Beyer zum freundschaftlichen Showdown auf der Rennbahn.

Die 12 Minuten gehören zu den dramatischeren der Auktionsgeschichte. Die Ungewissheit, ob Paul Newmans Rolex Daytona den hohen Erwartungen gerecht wird. Die Anwesenheit von Newmans Tochter im Saal. Der emotionale Einstiegsfilm. Auktionator Aurel Bacs, äusserlich eloquent wie immer, innerlich nervös wie nie. Er hat die letzten Nächte kaum geschlafen, sein Körper spielt verrückt, ihm ist heiss und kalt zugleich. Selbst er, Mister Cool persönlich, kämpft mit dem Druck, der auf Los 8 lastet. Es liegt ein schriftliches Angebot vor, eine Million Dollar. Nichts, was das Vertrauen der «Newman»-Verkäufer in den Auktionator rechtfertigen würde. Bacs gibt das Los frei. Das erste Telefonangebot ist ein Paukenschlag: 10 Millionen!

Hat der eine ein Anliegen, reicht ein Telefonat, notfalls mitten in der Nacht: Bacs und Beyer vertrauen einander blind

Die japanische Plastikuhr.

«Da wusste ich, alles Weitere wird ein Genuss», sagt Aurel Bacs bei einem Teller Pasta auf der Restaurantterrasse der Kart-Bahn Wohlen. Für unsere neue Serie «Begegnung» hat der weltweit wichtigste Uhrenauktionator diesen Ort vorgeschlagen, weil er sich als Sammler von Vintage-Uhren und als Sohn eines Ex-Rennfahrers zur Rennsportnostalgie hingezogen fühlt : Die Anlage scheint direkt den Sechzigern entsprungen, sie gilt als eine der schönsten Freiluftbahnen Europas. Bacs war als Jugendlicher mal hier, für René Beyer ist es eine Premiere, natürlich hat er sofort zugestimmt. Jetzt sitzen beide in ihren Overalls am Tisch, freuen sich auf das Rennen, das sie sich gleich liefern werden, und versuchen sich zu erinnern, wann sie sich das erste Mal begegnet sind.

Bacs, in Zürich-Fluntern aufgewachsen, weiss noch, wie die Familie sonntags oft die Bahnhofstrasse entlangflanierte und die Uhrenauslagen studierte. Wie seine Mutter seinem Vater auf den Fünfzigsten bei Beyer eine Stahl-«Nautilus» von Patek Philippe kaufte. Wie der Vater ihm die Welt der mechanischen Wunderwerke näherbrachte, auf Flohmärkten und in den Werkstätten von Uhrmachern. Wie respektvoll schöne Modelle diskutiert wurden. «Dann kam meine Firmung, und ich wollte unbedingt so eine japanische Plastikuhr mit Taschenrechner.» Bacs lacht. Sein Vater habe ihm ins Gewissen geredet: Das sei keine Uhr fürs Leben, bloss ein technisches Gadget, das nichts mit Uhrmacherei zu tun habe, derart billig gefertigt, dass es bald nicht mehr funktionieren werde … Es nützte nichts. Aurel Bacs erhielt das Plastikding, nach einem halben Jahr war es kaputt. 

Möglicherweise hatte dieses Erlebnis einen Einfluss auf Bacs' heutigen absoluten Anspruch an Qualität. Jedenfalls bekam er eine zweite Chance, wieder ging es an die Bahnhofstrasse. «Für uns hatte die Beyer Chronometrie den Stellenwert eines Tempels, selbstverständlich trug ich das weisse Hemd», erzählt Bacs. Und fast noch stolzer als auf die IWC, die er bekam und heute noch besitzt, machte ihn, dass er von René Beyers Vater und Mutter wie ein gleichwertiger Erwachsener behandelt wurde. Die beiden Familien lernten sich näher kennen und schätzen, und als Aurel Bacs nach Stationen bei Sotheby’s und Christie’s ein Sabbatical nahm, half er mit, die Vintage-Abteilung von Beyer neu zu positionieren. 

«Aurel Bacs ist ein Phänomen», konstatiert René Beyer. «Er ist stets authentisch, elegant und bodenständig zugleich, strategisch gewieft und trotzdem spontan.» Vielleicht hilft dem Auktionator auch, dass er einst Jus studierte: Präzise und geistesgegenwärtig führt er durch seine Auktionen. Er nimmt die Energien der Bietenden wahr wie ein guter DJ die Befindlichkeit seiner Crowd und weiss sie zu dirigieren. Als Bacs nach dem 10-Millionen-Angebot für die «Paul Newman» sieht, dass sich zwei Mitbieter nicht irritieren lassen, pendelt sich sein Blut auf optimaler Betriebstemperatur ein. Mit Charme, Humor und unbestechlichem Selbstbewusstsein zelebriert er die Show seines Lebens. 

Die Referenz 1153 Heuer Carrera gilt als der erste automatische Chronograph. Für Aurel Bacs ist sie weit mehr: Seine Mutter hatte seinem Vater ein solches Modell zur Verlobung geschenkt

Ein Rekord für die Geschichtsbücher.

Die Spannung ist zeitweise kaum auszuhalten. Minutenlang bleibt sein Arm ausgestreckt, zeigt seine Hand ohne die kleinste Regung Richtung Telefonanbieter, auf anerkennende Art insistierend. Tatsächlich lassen sich diese immer wieder anstacheln. Als bei 17,75 Millionen Dollar der Hammer fällt, kommt dies einer Erlösung gleich. Tosender Applaus! Standing Ovations! Der unglaubliche Weltrekord löst Millionen von Medienberichten aus. Seither wird Bacs sogar in Kambodscha und Japan erkannt. Oder während der Ferien in Italien, in kurzen Hosen, was dem stets tadellos gekleideten Bonvivant eher peinlich ist.

René Beyer und Aurel Bacs packen ihre Helme, lassen sich die Karts erklären und machen sich auf zur Aufwärmrunde. Was Bacs erst später verrät: Er durfte vor Jahren ein Ferrari-Fahrertraining mitmachen und lernte, wie man eine Kurve ideal anfährt. Schon bald bleibt er unter einer Minute pro Runde, während es Beyer zum Auftakt gleich mal auf der Piste dreht. Nach einer Viertelstunde werden sie mit der karierten Flagge rausgewinkt – und strahlen adrenalindurchtränkt wie Formel-1-Piloten. «Diese Karts machen bis 90 Stundenkilometer. Derart nah am Boden fühlt sich das doppelt so schnell an», sagt Beyer. Und Bacs schwärmt: «Es hat extrem Spass gemacht, an die Limite zu gehen. Das ist ja auch im Geschäft wichtig: wissen, wo die Grenze liegt, hinter der es gefährlich wird.»

Die Freunde setzen sich auf die Tribüne, beobachten die Profis beim Training und kommen aufs Thema Vintage, auf den Trend zu alten Uhren, den Aurel Bacs massgeblich mitgeprägt hat. René Beyer ist der Meinung, dass unser digitales Zeitalter die Sehnsucht weckt nach warmer Mechanik, «nach etwas, das man nachvollziehen und reparieren kann». Und Aurel Bacs findet: «Heute ist alles gleichgeschaltet, die Mode, die Autos, die Handys. Wir versinken in der Masse, dabei sind wir hungrig nach Einzigartigem, das dem Zeitgeist des schnellen Konsums entgegenwirkt.» Nachdenklich schaut er sich die Runde eines besonders aggressiven Fahrers an. Dann sagt er: «Was gibt es da Schöneres als eine Uhr, deren Geschichte dafür bürgt, dass sie auch eine Zukunft haben wird?»

Wenn es um die Leidenschaft für Uhren geht, teilen sich Bacs und Beyer das Podest gern

Der Auktionator.

Schon als Gymnasiast in Zürich besserte sich Aurel Bacs (1971) das Taschengeld mit dem Verkauf von Vintage-Uhren auf, die er auf Flohmärkten aufstöberte. Mit 22 wurde er Uhrenexperte bei Sotheby’s und brach sein Jus- und Wirtschaftsstudium ab. Später machte er erst Christie’s zum führenden Auktionshaus für Sammleruhren, dann Phillips, dessen Uhrenabteilung er seit 2014 mit seiner Frau Livia Russo leitet. Das Paar lebt mit seiner 13-jährigen Tochter in der Genfer Altstadt.

phillips.com
 

Spannung pur.

Erleben Sie ein Stück Auktionsgeschichte: Aurel Bacs versteigert die Rolex Daytona von Paul Newman zum höchsten Preis, der jemals für eine Armbanduhr geboten wurde.

Text: Matthias Mächler
Fotos: Raphaela Pichler

Beyer Chronometrie