World of Patek Philippe

Die leisen Pioniere! Die Abteilung «Advanced Research» von Patek Philippe feiert ihr zwanzigjähriges Bestehen. Es gibt gute Gründe, diesen Innovatoren ein Kränzchen zu winden.

NICHOLAS FOULKES Der britische Historiker, Buchautor und Journalist gilt als profundester Kenner von Patek Philippe. Fürs beyond kommentiert er spezielle Epochen und Phänomene.


«Advanced Research» wurde 2005 unter der Leitung des brillanten Jean-Pierre Musy gegründet und befasst sich mit der Lösung jahrhundertealter Probleme der Uhrmacherei mithilfe von Methoden und Materialien des 21. Jahrhunderts. Am Anfang der Geschichte dieser Abteilung im Fokus stand vor allem das Material Silizium. Mit ihm gelang es, das Innere der Uhr zu revolutionieren – dank amagnetischer Eigenschaften, Elastizität, einer im Vergleich zu Stahl doppelt so hohen Härte, einer Fertigungspräzision im Mikrometerbereich und des Umstands, dass keine Schmierung mehr notwendig war.

Präsentierte erste Resultate von «Advanced Research» durch eine Lupe im Glasboden: Ref. 5250 mit einem Hemmungsrad aus der eigenen Siliziumdioxid-Form

Die ersten Resultate wurden im Jahreskalender mit der Referenz 5250 verbaut: Mit der hauseigenen Siliziumdioxid-Formulierung Silinvar® konnte ein Hemmungsrad hergestellt werden, das um zwei Drittel leichter war als Stahl und dennoch den Standards des Genfer Siegels entsprach (damals hatte Patek Philippe noch kein eigenes Siegel). Um diesen Durchbruch zu veranschaulichen, integrierte man eine Lupe in den Glasboden der Uhr.

2006 stellte Patek Philippe den Jahreskalender mit der Referenz 5350 und damit die Spiromax®-Unruhspirale vor. Zwei Jahre später brachte die Marke einen weiteren Jahreskalender auf den Markt, die Referenz 5450 mit Pulsomax®- Hemmung, eine Kombination des Silinvar®-Hemmungsrads von 2005 und einer Silinvar®-Ankerhemmung. Und im Jahr 2011 feierte die Oscillomax®-Hemmung ihr Debüt im Ewigen Kalender mit der Referenz 5550. 

Dieser Zeitmesser – es ging dabei eher um die Demonstration wissenschaftlicher Kompetenz als um eine breite Anwendung – vereinte die bisherigen wissenschaftlichen Innovationen der «Advanced Research»-Abteilung: Hemmungsrad und Anker aus Silinvar®, eine Spiromax®-Unruhspirale (ebenfalls aus Silinvar®) und die GyromaxSi®-Unruh (wiederum aus Silinvar®). Dank der Leistungsfähigkeit von Oscillomax® stieg die Gangreserve des Kalibers 240 von 48 auf 70 Stunden – eine beeindruckende Verbesserung um fast 50 Prozent, die jedoch erst nach der Anmeldung von 17 einzelnen Patenten erreicht wurde. 

Die Arbeit der «Advanced Research»-Abteilung ist nicht Innovation um der Innovation willen. Was einst Neuschöpfung war, wird heute in die Uhren integriert. Beispielsweise wurde die Pulsomax®-Hemmung zuletzt in der viel gelobten «Calatrava», Referenz 5328G-001, verwendet, einem der Stars an der diesjährigen Watches and Wonders. Mittlerweile ist der Einsatz der Spiromax®-Unruhspirale mehr oder weniger Standard im Portfolio von Patek Philippe.

Nachdem die Arbeit an Silizium abgeschlossen war, konzentrierte sich «Advanced Research» 2017 bei der «Aquanaut Travel Time», Referenz 5650, auf flexible mechanische Strukturen. Mit dieser Uhr überwand Patek die labyrinthartige Komplexität des konventionellen 37-teiligen Dualzeit-Mechanismus und ersetzte ihn durch eine zwölfteilige Konstruktion aus Edelstahl. Hier wichen die traditionellen Vorstellungen von mechanischer Gelenktechnik der Biegsamkeit – Drehpunkte entstanden nicht durch den Einsatz von Zapfen und Steinen, sondern durch die Nachgiebigkeit von sorgfältig konstruiertem Stahl, der den Schmierungsbedarf und die Wahrscheinlichkeit von im Lauf der Zeit entstehendem mechanischem Spiel minimierte.

12 statt 37 Teile: In der Ref. 5650 griff 2017 erstmals ein flexibler Dualzeit-Mechanismus
Übertrifft mit ihrem Klang alles bisher Dagewesene: Ref. 5750P / 2021.

Der jüngste Ausdruck des Innovationsstrebens von «Advanced Research» zeigte sich vor vier Jahren in der Minutenrepetition, Referenz 5750P. Sie übertraf in einer wahrhaft exklusiven Auflage von 15 Exemplaren die akustischen Grenzen traditioneller Uhren mit Schlagwerk. Das «fortissimo ff»-Verstärkermodul ist hochwissenschaftlich und übersteigt bei Weitem mein Verständnis, aber im Grunde fungiert eine Saphirglasplatte als mechanischer Lautsprecher, der die Klanglautstärke um das Sechsfache erhöht und dabei die akustische Klarheit und Qualität beibehält. Der verstärkte Klang wird durch vier strategisch positionierte Öffnungen in einem Titanring übertragen. Ein quadrofoner Klang, weit mehr als stereo. Dieser technische Ansatz verändert die Art und Weise, wie der Klang aus der Armbanduhr austritt, indem er den Weg der Schallübertragung vom Gehäusematerial isoliert. 

Wie der Name schon sagt, ist es laut. Wie laut genau, verdeutlichte Philip Barat, Leiter Forschung und Entwicklung, als er ein Exemplar auf dem Firmenparkplatz testete. Unglaublich: Der Klang war 60 Meter weit entfernt noch zu hören. Sollte Thierry Stern der «Advanced Research»-Abteilung von Patek Philippe ein Geschenk zum 20-Jahre-Jubiläum machen wollen, dann wäre ein grösserer Parkplatz vielleicht das Richtige.

Beyer Chronometrie