
NICHOLAS FOULKES Der britische Historiker, Buchautor und Journalist gilt als profundester Kenner von Patek Philippe. Fürs beyond kommentiert er spezielle Epochen und Phänomene.
Nautilus ist eines dieser seltenen Kulturgüter, denen verschiedene Generationen verschiedene Bedeutungen zuschreiben und über die jede und jeder eine Meinung hat, vom erfahrenen Sammler bis zum neureichen Laien.
Entstanden ist der historisch vielschichtige Zeitmesser 1976 als eigenwilliges Stück Stahl in einer Welt, die echten Luxus noch mit Edelmetallen gleichsetzte. Die auf dem Höhepunkt der Quarzkrise geborene Nautilus war Patek Philippes gewagte Antwort auf eine von existenziellen Zweifeln geplagte Industrie. Gérald Gentas Design mit dem an ein Bullauge erinnernden Gehäuse, den seitlichen «Ohren» und dem blauen Zifferblatt mit Reliefprägung machte aus dem damals widersprüchlichen Konzept einer luxuriösen Sportuhr etwas Denkwürdiges – beworben mit dem provokativen Slogan, dass eine der teuersten Uhren der Welt aus Stahl bestehe. Für eine Manufaktur wie Patek Philippe, die für ihre schlanken goldenen Gehäuse und raffinierten Komplikationen bekannt war, war dies ein beispiellos mutiger Schritt. Es verwundert nicht, dass die Nautilus anfangs wenig salonfähig und ausschliesslich bei Kennern begehrt war.
Um die Jahrtausendwende entwuchs die grosse, designorientierte Uhr ihrem Ruf als avantgardistische Kuriosität und begann, sich allmählich auch beim breiten Publikum durchzusetzen. Die Nautilus, einst ein Symbol der Kühnheit der 1970er-Jahre, trat ihren Aufstieg zum Kultobjekt an.

Ur-Nautilus Ref. 3700/1A von 1976.
Patek Philippes Entscheidung, das Modell anlässlich seines 30. Jahrestags 2006 einem Redesign zu unterziehen, erwies sich als wegweisend für die von der Referenz 5711 angeführte Generation. Neu waren das dreiteilige Gehäuse und das etwas sanftere Design, das die geraden Linien des Originals abschwächte, indem die «Ohren» dem Schwung der Lünette folgten. Das berühmte Armband modernisierte Patek mit einer Faltschliesse. Diese kleinen Änderungen führten insgesamt dazu, dass sich die Nautilus wie eine zeitgemässe Version ihrer selbst und weniger wie ein historisches Objekt anfühlte. Sie gewann ihre moderne Ausstrahlung zurück und wurde zu einem zeitlosen Meisterwerk aus Edelstahl.
"DOCH ERST IHR PRODUKTIONSENDE
MACHTE SIE ZUR LEGENDE."
EWIGER KALENDER NEU GEDACHT
Ungefähr zur selben Zeit wagte sich Patek Philippe mit der Nautilus vorsichtig in die Welt der Komplikationen vor. Auf die Referenz 3710 mit ihrer eleganten Asymmetrie und der gefeierten «geschweiften» Gangreserveanzeige folgte die Ref. 3712 – bald von der Ref. 5712 abgelöst – mit Mondphasen- und Datumsanzeige auf dem Zifferblatt. Die Verbindung von Haute Horlogerie mit hochwertigem Design fand ihren Höhepunkt in der Referenz 5740 mit Ewigem Kalender, für die eine der elegantesten Komplikationen von Patek Philippe in der Sprache einer Sportuhr neu interpretiert wurde. Die Nautilus hatte ihren Ursprung als rustikaler Sonderling aus Stahl endgültig hinter sich gelassen.
Die Ref. 5711 schrieb die Geschichte der Nautilus still und leise neu, doch erst ihr Produktionsende machte sie zur Legende. Die Nachricht davon sorgte für einen Aufschrei auf dem Markt. Er war so gross, dass Patek Philippe der renommierten Ref. 5711 eine Galgenfrist von einem Jahr gewährte, während dem sie als Abschiedsserie mit einem olivgrünen Zifferblatt verkauft wurde – und zur begehrtesten Uhr der Welt wurde.


EIN ASTRONOMISCHES GEBOT
Das erste Modell wurde für einen wohltätigen Zweck verkauft und erzielte das astronomische Gebot von 6,5 Millionen Dollar, das über Hundertfache des Verkaufspreises. Was folgte, war unvermeidlich: Die Tiffany- Referenz 5711 wurde zu einem Objekt von epochaler Bedeutung.
Heute übernimmt die Ref. 5811 die einst von der Ref. 5711 gespielte Rolle des Klassikers – wieder mit zweiteiligem Gehäuse. Die im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen etwas grössere Uhr strahlt die ruhige Selbstsicherheit eines Zeitmessers aus, der sich nicht in den Vordergrund drängen muss. Die Linie steht an der Schwelle zum zweiten halben Jahrhundert und ist Beweis dafür, dass sie sich langsam weiterentwickeln lässt, ohne dabei die essenzielle Spannung zwischen sportlicher Nonchalance und weltgewandter Raffinesse zu verlieren.
Was die nächsten 50 Jahre betrifft, habe ich das ungute Gefühl, dass ich sie nicht mehr alle erleben werde. Die Nautilus hingegen, dieses eigenwillige Kind der 1970er- Jahre, ziemlich sicher schon. Sie wird sich an neue Handgelenke schmiegen, darunter auch Handgelenke von Feingeistern, die heute noch nicht geboren sind. Die Welt, in der sie ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern wird, könnte sich grundlegend von der unseren unterscheiden. Aber ich würde wetten, dass die Nautilus immer unverkennbar sie selbst bleiben wird – die Uhr, die entstand, um mit Traditionen zu brechen und sich schliesslich zum meistdiskutierten und begehrtesten Zeitmesser entwickelte, der je ein Handgelenk geschmückt hat.









