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Zeitraffer - 1830

Während Stephan Beyer in Feuerthalen Uhren repariert, waltet in Zürich auf der Pestalozziwiese der Henker.

Wie das so ist mit der Liebe: Zuweilen fällt sie auf holprigen Boden. Stephan Beyer konnte ein Lied davon singen. Der Gross- und Kleinuhrmacher aus dem grenznahen Hondingen fand auf seiner Lehr- und Wanderschaft in Basel Arbeit, dann bei Uhrmacher Wildberger in Schaffhausen. Und hier, am Munot, lernte er Katharina Gärtner kennen. «Ihr zu Gefallen will ich bleiben», schrieb er in seiner Bewerbung um das Schweizer Bürgerrecht.

An ihrem Wohnort, dem zürcherischen Feuerthalen, war das Paar chancenlos: Das reformierte Nachbardorf von Schaffhausen, am anderen Ufer des Rheins gelegen, wollte keine Katholiken einbürgern. Also versuchte es Stephan Beyer in Rheinau, dem Heimatort seiner Verlobten. Auch da zeigte man sich skeptisch. Schliesslich sprach sich die Gemeindeversammlung mit 30 gegen 27 Stimmen knapp für eine Aufnahme aus. Stephan Beyer durfte Katharina ehelichen. Sie war bereits im fünften Monat schwanger, damals nichts Ungewöhnliches. Dreizehn Kinder gebar sie ihrem Mann, nur fünf Buben erreichten das Erwachsenenalter. Die Familie lebte weiterhin in Feuerthalen und betrieb eine Spezerei, also einen Gemischtwarenladen mit Lebensmitteln, vor allem Gewürzen, aber auch mit Uhren. Wie schon sein Vater und sein Grossvater sass Stephan am liebsten an seinem Etabli, die Lupe auf die Stirn geklemmt, und reparierte die Zeitmesser seiner Kundschaft. Während der Rhein Sonnenlicht durchs Fenster in die Werkstatt spiegelte, freute er sich darauf, seine Kinder dereinst in die Geheimnisse der Uhrwerke einzuweihen, ihnen von seinen Reisen zu erzählen und vom aktuellen Kampf der Landbevölkerung gegen die Bevormundung der aristokratischen Obrigkeit aus der Stadt.

«Dort, in Zürich, müsste man ein Uhrengeschäft eröffnen», seufzte er womöglich in seiner Werkstatt. «Doch dafür müssten sich zuerst die Zeiten ändern.» Das taten sie. Und wie! Unter dem Eindruck der französischen Julirevolution 1830 forderten liberale Köpfe auch im Kanton Zürich die Glaubens-, die Presse-, die Handels- und die Personenfreiheit. Das Volk soll als Souverän über Wichtiges entscheiden können. Am 22. November demonstrierten in Uster über 10 000 Menschen gegen die mächtigen Herren aus der Stadt, eine unvorstellbare Menge. Der Grosse Rat sah sich zur Selbstauflösung gezwungen, ein Übergangsgremium arbeitete eine neue Verfassung aus. Bei der ersten kantonalen Volksabstimmung am 10. März 1831 wurde sie mit 40 500 zu 1700 Stimmen angenommen. Der Kanton Zürich war jetzt eine Demokratie.

EINE PARZELLE, DIE NIEMAND WOLLTE

Auch Zürich selbst veränderte sich in dieser Zeit. Während an der Niederdorfstrasse und am Rennweg Gewerbe und Handel blühten, wurde auf der anderen Seite der Limmat die alte Stadtbefestigung geschliffen. Bald erinnerten nur noch der Fröschengraben und das Rennwegtor an das einstige Bollwerk. Der Paradeplatz, der damals noch Neumarkt hiess, entwickelte sich dank des grössten Postkutschenzentrums Europas zum wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Stadt. 1838 würde der Österreicher Johannes Baur hier das vornehmste Hotel Zürichs eröffnen, das Baur en Ville.

Auf den geschliffenen Stadtmauern baute der Kanton neue Zeughäuser. Die Wiese davor wurde zum Hinrichtungsplatz samt Guillotine: Bis circa 1860 vollstreckten Henker Todesurteile. Sie genossen in der Bevölkerung ein nicht unbedeutendes Ansehen. Trotzdem liess sich später diese Parzelle nicht verkaufen, zu viel Blut war in den Boden gesickert. Der kleine Flecken überlebte unbebaut und lädt heute als Pestalozziwiese unter alten, hohen Bäumen zum Innehalten.

Und Stephan Beyer? Er blieb bis zu seinem Tod 1863 in Feuerthalen. Sein zweiter Sohn, Karl August, übernahm die Spezerei und baute sie zur reinen Uhrmacherei um. Gleichzeitig setzte der erstgeborene Theodor Beyer die Visionen seines Vaters um und zog nach Zürich. An bester Adresse an der Niederdorfstrasse eröffnete er ein Uhrengeschäft und legte damit den Grundstein für die überaus erfolgreiche Geschichte der ältesten Zürcher Chronometrie.

Beyer Chronometrie