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Zeitraffer - 1936

Während die Beyer Chronometrie durch die schlimmste Phase ihrer Geschichte ging, erfand utopionier Josef Ganz den «Schweizer Volkswagen».

Es war am Sechseläuten 1936, als Josef Ganz seinen «Standard Superior» in der Bärengasse parkierte, auf das Dach kletterte und den Umzug verfolgte; zwischen den eleganten Karossen nahm sich der Kleinwagen geradezu exotisch aus. Ein Fotograf rief ihm zu, Ganz drehte sich um, lachte. Der Fotograf drückte ab.

Es war 2005 an einem Familienfest, als Lorenz Schmid die ikonische Fotografie seines Urgrossonkels zum ersten Mal sah: Der «Tages-Anzeiger» hatte ihm eine grosse Geschichte gewidmet und kam zum Schluss: Nicht Ferdinand Porsche war der geistige Vater eines Volkswagens, der von Hitler gefördert wurde und später als «Käfer» Berühmtheit erlangen sollte, sondern eben Josef Ganz, der Jude, der in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor den Nazis in die Schweiz fliehen musste.

Von diesem Moment an liessen Lorenz Schmid die Erfindungen seines Urgrossonkels nicht mehr los. Mit dem niederländischen Autojournalisten Paul Schilperoord rekonstruierte er Ganz’ Leben weit über die Konstruktion des «Maikäfers» (1931) und des «Standard Superior» (1933) hinaus. Teilchen für Teilchen setzten die beiden das Puzzle zusammen, das immer verwunderlicher wurde, und liessen auch dann nicht locker, als die Quellen versiegten oder vorübergehend das Geld ausging.

«Ich begann, mich immer mehr mit Josefs Geschichte zu identifizieren», sagt der 40-jährige Schmid heute und parkiert, wie anno dazumal sein Grossonkel, den «Standard Superior» in der Bärengasse; es ist eines von nur zwei Exemplaren, die überlebt haben. Flink klettert er aufs Dach und posiert für den Fotografen, um das Foto nachzustellen. Dann hält er inne, schliesst die Augen, stellt sich vor, wie das war damals, als Marschmusik
und Zurufe aus dem Publikum die Strassen füllten in diesen fürchterlich schwierigen Zeiten …

EINE SCHWIERIGE ZEIT
In Deutschland waren seit drei Jahren die Nationalsozialisten an der Macht, Angst und Spannungen griffen immer schlimmer um sich. Auch die Schweiz ächzte unter den Auswirkungen. Allein in der Stadt Zürich waren über 14 000 Männer und 1400 Frauen als erwerbslos gemeldet. Um Schadensbegrenzung bemüht, übernahm die Stadt die Liegenschaften verschiedener Firmen, die Werkstätte der taumelnden Escher Wyss AG und den Sportplatz Letzigrund des FC Zürich. Auch der Beyer Chronometrie ging es schlecht: Ein Konkurs konnte nur dank der Unterstützung von Rolex und Patek Philippe sowie der Nachsicht der vermietenden Bank verhindert werden.

Was Ganz nicht wusste, dort oben auf seinem Auto: In wenigen Wochen würde der Spanische Bürgerkrieg beginnen und in wenigen Monaten der Schweizer Franken um dreissig Prozent abgewertet werden.
Doch der Autopionier war zu dem Zeitpunkt noch guter Dinge: Investoren hatten ihm Unterstützung versprochen für die Idee eines erschwinglichen Volkswagens. Erste Kontakte zur Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich für einen Entwicklungskredit bestanden. Dann kam alles anders.

DAS AUTO, DER FILM

Der «Standard Superior» und der «Schweizer Volkswagen», das letzte Auto, das in der Schweiz hergestellt wurde, sind heute im Verkehrshaus Luzern zu sehen. Über das Leben und Wirken von Autopionier Josef Ganz gibt es einen Dokumentarfilm. Man findet ihn auch auf YouTube («Ganz: die wahre Geschichte des VW-Käfers»). josefganz.org

Kurz vor der Serienproduktion des «Schweizer Volkswagens» brach der Zweite Weltkrieg aus. Der lange Arm der Gestapo erreichte die Witikonerstrasse in Zürich, wo Ganz wohnte: Er musste sich gegen Anfeindungen und Schikanen wehren und verstrickte sich zunehmend in Streitereien mit den Behörden. Nach Kriegsende wurden von der Firma Rapid zwar 36 Prototypen seines «Schweizer Volkswagens» hergestellt. Doch statt das preiswerte Eigenprodukt zu fördern, importierte die Schweiz lieber den teureren VW Käfer aus Deutschland – und verwies Ganz 1950 unter mysteriösen Umständen des Landes. 1967 starb er verarmt in Australien.

Lorenz Schmid klettert vom «Standard Superior» herunter und sagt: «Darum geht es mir mit meinem Engagement: Ich möchte eine Geschichte erzählen. Das Schicksal von Josef Ganz steht für viele ähnliche Schicksale, die einfach aus der Geschichte verbannt wurden.» Dann schieben Beyer-Mitarbeitende den «Standard Superior» ins Geschäft.

Während zweier Wochen war das Auto an der Bahnhofstrasse zu bewundern, bevor es nach Budapest weiterreiste, der Geburtsstadt von Josef Ganz, wo dem verkannten Autopionier an einer grossen Ausstellung die Ehre erteilt wurde, die ihm zeitlebens verwehrt geblieben war.

Beyer Chronometrie