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Zurück zur Natur

Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele lädt René Beyer auf sein Schloss in Frankreich ein – und schenkt ihm reinen Wein ein.

Monestier la Tour, ein verwunschenes 400-Seelen-Dorf im Bergerac, rund 90 Kilometer östlich von Bordeaux; eine Kirche, eine Kreuzung, hingewürfelte Häuser, liebliche Hügelzüge lullen den Ort ein, sanft wie eine Ballade, die von den Genüssen des Lebens erzählt, von Trüffeln, Kastanien und natürlich vom Wein.

Ein Traum wird wahr: Christine und Karl-Friedrich Scheufele empfangen René Beyer auf Château Monestier La Tour.

Hier also wurde Realität, wovon Christine und Karl-Friedrich Scheufele über 20 Jahre lang träumten: das eigene Weinschloss. Hinter alten Baumriesen thront es auf einer Anhöhe, umgeben von einem romantischen Weiher, einem Lustgarten und sonnenverwöhnter Weitsicht. «Komm mit auf den Turm, René, das musst du dir ansehen», sagt Karl-Friedrich Scheufele und jagt seinen Freund und Weggefährten die Wendeltreppe hoch, vorbei auch an der Kammer, die er zum Atelier ausbauen will, um endlich wieder öfter zu zeichnen.

Auf der Zinne lassen die beiden die Dimensionen des Schlosses auf sich wirken, dieses verwinkelte Ensemble, das bis auf das 15. Jahrhundert zurückgeht. Auf dem mächtigen Dach des Haupthauses steigt aus vielen kleinen Kaminen Rauch; sämtliche Zimmer werden mit Cheminées geheizt. Fürs beyond bleiben die Gemächer tabu. René Beyer, der hier übernachten durfte, kommt ins Schwärmen: Die Einrichtung sei auf leichte, unkomplizierte Art elegant. Und auch wenn es Annehmlichkeiten wie elektrisches Licht und warmes Wasser gibt, wähne man sich in einer anderen Epoche. «Karl-Friedrich zollt stets der Zeit Respekt, aus der die Dinge sind», sagt Beyer. «Aber er präsentiert sie so, dass sie morgen noch Gültigkeit haben. Das Schloss hat eine magische Aura.»

Karl-Friedrich Scheufele strahlt. Dem sonst so zurückhaltenden Menschen steht der Stolz ins Gesicht geschrieben. Zwei Jahre lang hat er das Schloss renoviert und für jede marode Ecke eine nachhaltige Lösung gesucht. Wann immer möglich flog er ein und durchkämmte Antiquariate und Flohmärkte auf der Suche nach Dingen, die den Räumen Leben einhauchen. Nochmals zwei Jahre dauerte es, bis das ultramoderne Weingut fertig war. Die Pläne dafür hat er selber gezeichnet und dafür auf viele Stunden Schlaf verzichtet.

Auf Augenhöhe

«Das Weingut schauen wir uns später an», sagt er und schreitet über den Schlosshof. «Zuerst essen wir was.» Beim alten Ziehbrunnen schneidet seine Frau Christine Blumen und drapiert sie in einem Kupferkessel. «Es ist schön, meinen Mann so glücklich zu sehen», sagt sie. «Mit dem Schloss geht für ihn ein grosser Traum in Erfüllung.» Auch die Komplimente für die vielen liebevollen Details gibt sie an ihn weiter. Was selbstverständlich untertrieben ist: Sie, die drei Kinder grosszog, gleichzeitig als Managerin bei Chopard arbeitete und ihrem Mann bei den vielen Reisen den Rücken stärkt, wird sich auch im Château mit Rat und Tat eingebracht haben. Die beiden sind ein Team, und wie sie miteinander umgehen, auf Augenhöhe, voller Respekt und Vertrauen, ist schon sehr eindrücklich anzusehen.

Jetzt sitzen sie am massiven Esstisch in der Wohnküche. Der imposante Raum mit dem Gusseisenherd, der Fensterfront zum Hof und dem knisternden Feuer im mannshohen Kamin ist der Treffpunkt der Familie. Hier kommt man zusammen, wenn die Kinder dabei sind. Hier werden Gäste bewirtet. Den Kochlöffel schwingt der Gutsverwalter, der auch ein ambitioniertes Restaurant führen könnte. Und während wir essen wie Gott in Frankreich, kitzelt der frisch gekelterte Wein nicht nur den Gaumen, sondern auch die Neugier. Was haben Sie mit dem Weingut vor, Herr Scheufele? Muss man sich jetzt in Bordeaux drüben warm anziehen?

 

100 Hektar ungetrübte Idylle – und mitten drin ein «Gangsterauto»

Der Mond als Taktgeber.

Scheufele lacht. Nein, sagt er, er werde nicht plötzlich samtig weichen Schmeichler herstellen. «Man muss dem Wein anmerken, woher er kommt, und es gehört zur Region, dass er ein bisschen wild ist, bodenständig – und bezahlbar.» Selbstverständlich aber habe er die Absicht, den besten Wein des Bergerac zu machen, sagt Scheufele. Darum wird auf Château Monestier la Tour nach den Gesetzen der Biodynamik produziert, in absoluter Harmonie mit der Natur. Keine Chemie, keine Tricks. Den Takt gibt der Mond an, gegen Hitze und Frost wird lediglich eine Art Kräutertee gespritzt.

«Kommen Sie, ich zeig es Ihnen», sagt Scheufele, und wieder blitzt Schalk aus seinen Augen. Statt die Allee hinunter zum Weingebäude geht er rüber zur Scheune und zieht an einer Blache. Ein besonderes Auto nimmt Gestalt an, schwarz in schwarz, elegante Trittbrette, knallgelbe Felgen: ein Citroën 11 BL 1939 Traction, der Vorgänger der legendären DS, das erste handgeschaltete französische Automobil. «Mein Gangsterauto», sagt Scheufele, der leidenschaftliche Oldtimersammler, und bittet uns, Platz zu nehmen.

Nach einer vergnügten Extrarunde parkiert er vor dem Weingebäude, das von aussen zurückhaltend, gedrungen wirkt. Drinnen aber wähnt man sich in einer Raumfahrtstation: Blitzblank polierte Weintanks mit Merlot, Cabernet Franc, Sauvignon Blanc und Sémillon stehen in Reih und Glied wie zum Abflug bereite Raketen. Im Nebenraum ruhen die Eichenfässer mit dem fertigen Wein, dahinter trocknen die Tee-Kräuter: Sie einzukaufen, wäre Scheufele zu billig. Also liess er sie genauso anpflanzen wie reihenweise Hecken für Vögel, Käfer und Würmer und über hundert Bäume.

Das Ziel: der beste Wein des Bergerac. Das Mittel: biodynamischer Anbau und modernste Anlagen»
«Es darf in unserer Welt doch nicht immer nur ums Neue gehen»: Christine und Karl-Friedrich Scheufele

Damit ihm kein Nachbar ins Handwerk pfuscht und den nahen Boden mit Gülle verseucht, hat er die Parzellen rundherum auch gleich erworben. «Die Natur ist der grösste Luxus», sagt er. «Statt sie auszureizen, sollten wir sie wieder ins Gleichgewicht bringen. Sie wird es uns mit höchster Qualität danken.»

Aber da ist noch etwas anderes, das Scheufele beschäftigt. «Es darf in unserer Welt doch nicht immer nur ums Neue gehen. Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Geschichte. Wenn sich niemand um dieses Erbe kümmert, ist irgendwann Schluss.» Auch darum hat er das Schloss gekauft. Er möchte, dass man sich morgen noch an gestern erinnert.

Text: Matthias Mächler
Fotos: Gian-Marco Castelberg

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