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Zwischen Zwei Welten

«Baur au Lac»-Besitzer Andrea Kracht nimmt René Beyer mit in die Katakomben: Hinter den Kulissen seines Hotels wird erst klar, warum es zu den besten der Welt gehört.

Im «Baur au Lac» gibt es die Welt der Gäste, eine Mischung aus distinguiertem Luxus und nostalgischen Reminiszenzen, durchdrungen von einer gedämpften, noblen Atmosphäre. Und es gibt die Welt dahinter respektive darunter: Im Souterrain ist es auch mal laut, staubig und rustikal. Denn hier, in einem Labyrinth neonbeleuchteter Gänge, sind die technischen Räume und die Werkstätten untergebracht. Gerade auf Letztere scheint Andrea Kracht genau sostolz wie auf die Suiten des Hotels oder den Blick vom Gym im Dachgiebel über den See.

Mit einem Passepartout öffnet er die Türen in den Katakomben, als führten sie zu einem Geheimnis. Und das tun sie ja auch: In einem Lagerraum geben schwere Archivschränke den Blick frei auf die Koffer und Reisetaschen jener, die ihre Siebensachen bis zum nächsten Aufenthalt hier lassen, auf dass bei der Rückkehr die Kleider gelüftet und gebügelt im Zimmer auf sie warten. Oder die Schreinerei, die nicht nur Defektes ausbessert, sondern auch mal ein Hundetreppchen baut: damit es der Liebling einer weltberühmten Sängerin bequem zu ihr ins Bett schafft. Da ist die Polsterei, die sich um die Sofas und Sessel kümmert, die alle mit einem Code versehen sind, damit ihre edlen Überzüge auf Knopfdruck am richtigen Ort auf der Welt nachbestellt werden können. Oder die Malerwerkstatt, die Schäden unsichtbar macht, die hastig gezogene Koffer an den Wänden hinterlassen.

Andrea Kracht erfüllt Hotel-Aficionado René Beyer einen lang gehegten Wunsch und nimmt ihn mit auf einen Spaziergang hinter die Kulissen seines Hotels. Die beiden fühlen sich einander verbunden, das erstaunt nicht weiter. Sie sind quasi Nachbarn und führen Traditionshäuser, die für ihre Einzigartigkeit weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. Beide bieten einer Klientel, die alles hat, Grund zum Träumen. Und beide tun das mit einer Passion, die letztlich mitverantwortlich ist für den Unterschied, den ihre Betriebe machen. Ausserdem stehen beide in der Pflicht mehrerer Generationen. Und, auch das nicht uninteressant: Beide sind mit asiatischen Powerfrauen verheiratet.

MEHR ALS EIN ARBEITSORT
Auf dem Weg durch die Katakomben grüsst Kracht die Mitarbeitenden mit Namen und mit demselben Respekt, mit dem er seinen Gästen begegnet. «So ein Hotel funktioniert nur mit den besten Leuten», sagt er. «Es kommt auf jede Einzelne und jeden Einzelnen an.» Seine Dankbarkeit wirkt nicht aufgesetzt. Zwischen 300 und 350 Mitarbeitende beschäftigt das «Baur au Lac» bei 120 Zimmern: eine Quote, wie sie kein anderes Schweizer Ganzjahreshotel erreicht. Manche der Heinzelmännchen arbeiten schon seit zehn, fünfzehn Jahren hier oder noch länger. Warum halten sie dem «Baur au Lac» genauso die Treue wie viele der Gäste? Kracht schmunzelt und ähnelt dabei noch ein bisschen mehr dem Schauspieler Christoph Waltz, mit dem er immer mal wieder verwechselt wird: «Ein Hotel wie das unsere ist weit mehr als ein Arbeitsort.

«ER ÖFFNET DIE TÜREN, ALS FÜHRTEN SIE ZU EINEM GEHEIMNIS. UND DAS TUN SIE JA AUCH.»

 

Hier schwingen immer auch Mythen mit. Hier öffnen sich Fenster in die grosse weite Welt. Hier weiss man nie so genau, welche Überraschungen der Tag bereithält. Einen interessanteren Arbeitsplatz finden Sie nicht so schnell.» Und was die Gäste betrifft, so Kracht, dürfe er, hoffentlich ohne jetzt überheblich zu wirken, sagen: Wer einmal da war, kommt wieder.

INDIVIDUALITÄT ALS LUXUS
Denn zu all dem, was das «Baur au Lac» seit je verkörpert, erfüllt es den vielleicht grössten Trend der heutigen Hautevolee: authentische Individualität. «Nullachtfünfzehn-Luxus ist vorbei, es braucht mehr», konstatiert Kracht. Der grosse Vorteil des «Baur au Lac» sei, dass es zu den «Leading Hotels of the World» gehört, also auf der ganzen Welt im Schaufenster steht und mit seiner Geschichte gleichzeitig Zürich repräsentiert.

Unmögliches möglich machen: Das ist auch der Anspruch von Beyer Uhren & Juwelen. Wobei es Grenzen gibt, wie René Beyer erklärt, etwa wenn Kunden wünschen, ihre teure Uhr hier noch ein bisschen zu pimpen und da noch mit zusätzlichen Diamäntchen aufzupeppen. «Es gibt Uhrmacher, die sich darauf einlassen und damit wirtschaftlichen Erfolg haben», führt Beyer weiter aus. «Allerdings stehen sie dann bei den Herstellern schnell auf
der schwarzen Liste und müssen nie mehr was von ihnen wollen.»

Nach einem Abstecher zu den Gouvernanten, diesen guten Seelen der Luxushotellerie, die hundert kleine Sonderwünsche im Nu erledigen und ihr Refugium mit herzlicher Wärme füllen, wird es kühl: Im Blumenatelier steht der riesige begehbare Kühlschrank offen und haucht seinen frischen Atem in den Raum. Kracht macht Beyer auf verschiedene Details aufmerksam
– in einer Selbstverständlichkeit, als würde er hier täglich aushelfen.

DER FAST GEHEIME FÜNFTE STOCK
In seiner ruhigen, zurückhaltenden Art ist er der formvollendete Hotelier. Dabei wirkt er keineswegs unnahbar: Kracht besitzt die Gabe, jedem Gesprächspartner das Gefühl zu geben, dass es nur um ihn geht und Zeit keine Rolle spielt. Als er durch den fünften Stock führt, der gerade mal aus drei Suiten besteht, erzählt er mit einer Begeisterung, als wärs das erste Mal, von der Skurrilität des verschachtelten Baus, der nach vorn drei und nach hinten vier Stockwerke preisgibt, aber eben noch ein fast geheimes weiteres birgt.

Im Blick des 64-Jährigen schlummert eine jugendliche Lebendigkeit, ganz besonders dann, wenn er von seinem liebsten Hobby erzählt, den Tagen auf der Rennstrecke in seinem Porsche 911 GT3 Cup. Und was unternimmt er für seine offensichtliche Fitness? Nicht viel, stapelt Kracht tief. Zweimal die Woche laufe er zehn Kilometer. Und er zwinge sich zu Selbstdisziplin: Ein Frühstück gönnt er sich nur selten, und zum Lunch gibt es meist nur Früchte. Nun steht Kracht an seinem erklärten Lieblingsort: auf der Terrasse zwischen dem Hotel und diesem wunderbaren Park, der den Stadtlärm filtert und stets eine eigene Poesie verströmt, egal, zu welcher Tageszeit
und bei welchem Wetter.

«DANN ERZÄHLT ER DIE GESCHICHTE DES JAPANISCHEN KAISERS UND DER SAMEN EINES GINKGO BILOBA.»

 

Der Hotelier zeigt auf einen Baum, der majestätisch in den Himmel schiesst, und erzählt die Geschichte des japanischen Kaisers und der Samen eines Ginkgo biloba: Kurz nach der Hoteleröffnung 1844 steckte man das Gastgeschenk im Park in die Erde. Dass der stattliche Riese, der daraus entstand, auch eine Analogie zur Hotelgeschichte ist, muss Kracht nicht erst erwähnen. Dann führt er René Beyer über die kleine Hotelbrücke in die Garage, einen coolen Ort, der auch als Party-Location genutzt wird. Zwei Mechaniker sind dabei, die Autos der Gäste zu waschen und zu polieren – von Hand, damit auch ja kein Kratzer entsteht.

Es ist ein weiteres von vielen Beispielen, wie hinter den Kulissen gearbeitet wird. Damit im anderen Teil des Hauses, in der Welt der Gäste, kein Zweifel aufkommt, dass man mit dem «Baur au Lac» eine hervorragende Wahl getroffen hat.

Beyer Chronometrie