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Aus einer anderen Zeit

René Beyer besucht die Familie Bolzli von Aerowatch, hält zum ersten Mal die neue «Hebdomas» in den Händen – und versinkt in Millionen (von Jahren).

Von Matthias Mächler
Fotos: Gian Marco Castelberg

Solche Geschichten passieren wohl bloss im Jura. Und auch da nur einem wie Denis Bolzli. Vor einem Jahr wars, als der Aero-watch-Gründer mit einem Freund telefonierte, einem Uhren-Aficionado und Ur-Jurassier wie er. Mehr nebenbei kam das Gespräch auf die «Hebdomas», eine legendäre Taschenuhr. An den Weltausstellungen von 1900 in Paris und 1906 in Mailand hatte sie die Goldmedaille gewonnen: Sie gilt als erste Uhr mit einer achttägigen Gangreserve. Ob er, Bolzli, wisse, fragte der Freund, dass diese Uhr 1888 in Saignelégier erfunden und zum Patent angemeldet worden war?  

Es braucht einiges, um Denis Bolzli vergessen zu lassen, dass er eigentlich eine Pfeife stopfen wollte. Dies war ein solcher Moment. Natürlich kannte er die «Hebdomas», aber ihr einstiger Fertigungsort war ihm bis dahin unbekannt. Und es kam noch besser: Der Freund wollte eine Serie perfekt erhaltener Originalwerke loswerden, etwas mehr als 50 Stück. «Ich fühlte mich wie Indiana Jones», erzählt Bolzli, und seine sympathischen Lachfalten dehnen sich fröhlich. Was wäre das für ein Coup, als ehemalige Taschenuhrfabrik aus Saignelégier die historische «Hebdomas» in einem zeitgemässen Kleid wiederauferstehen zu lassen!

Am Ziel angekommen

Wie immer, wenn es neben Geschäftssinn um Leidenschaft geht und neben Zukunftsvisionen um Nostalgie, erzählte er seinem Freund und Verbündeten René Beyer davon. Auch er war baff: «Ich wollte schon lange etwas mit der ‹Hebdomas› machen. Doch eine Produktion lohnt sich erst ab einer anständigen Stückzahl, und bis anhin wusste niemand, dass es noch so viele Werke gibt.» Jetzt, im Sitzungszimmer von Aerowatch in Saigne­légier, hält Beyer erstmals den Prototyp in den Händen, ein feierlicher Moment: das Ergebnis einer langen Suche nach Perfektion, nach dem richtigen Hintergrundton des Zifferblatts und den richtigen Brücken, um das offene alte Werk gebührend in Szene zu setzen. Die Suche auch nach der richtigen Modifikation, um trotz alter Werkteile eine Ganggenauigkeit von ein bis zwei Minuten pro Tag zu erreichen, und die Suche nach einer besonders edlen Mondphasenanzeige. «Eine, welche die magische Farbe des Mondes spiegelt, und nicht einfach eine Kitschdarstellung», wie René Beyer sagt. Nicht nur die Patrons strahlen, auch Bolzlis Söhne Jean-Sébastien, bei Aerowatch zuständig fürs Marketing, und Fred-Eric, der Chef­designer, können es kaum erwarten, bis die Uhr an der Baselworld 2019 vorgestellt wird.

Ein Stück Ewigkeit

Doch Bolzli und Beyer wären nicht Bolzli und Beyer, wenn ihr Kopfkino vor dem Hauptfilm nicht eine Vorschau auf künftige Kracher spielen würde. «Wir sind hier im Jura», sagt Beyer und hebt vieldeutig die Augenbrauen: «Dieser Boden hat einem ganzen Erdzeitalter den Namen gegeben, er ist über 150 Millionen Jahre alt.» Er macht eine Kunstpause: «Mit der heutigen Technik kann man Stein enorm fein schneiden.» Pause. «Man könnte Stein sogar so fein wie ein Zifferblatt schneiden …» Ein Zeitmesser aus einem Stück Ewigkeit also? Beyer schmunzelt, Bolzli schmunzelt, Bolzlis Söhne schmunzeln. «Wir können ja mal nachsehen, was der Boden so hergibt», sagt Denis Bolzli verschwörerisch, und los gehts über die herben Hügelzüge mit den Pferdeweiden, die traditionell ohne Zäune auskommen, und diesem weiten Himmel, unter dem sich das Freiheitsgefühl zu entfalten scheint wie nirgends sonst in der Schweiz.

In Porrentruy wird die Gruppe vom Leiter des Museums Jurassica empfangen und durch die Ausstellung «In den Tiefen der jurassischen Meere» geführt. Während des Baus der Jura-Autobahn waren derart viele versteinerte Zeugen aus einer anderen Zeit zu Tage gefördert worden, dass der Kanton Jura ihnen eine Wallfahrtsstätte für Geschichtshungrige baute – und für Visionäre, die im Alten auch Neues sehen.

Der eigentliche Höhepunkt folgt in der Exklave des Museums auf dem Banné, einem Hügelzug ausserhalb des Städtchens. Die Sedimente hier gehören zu den fossilienreichsten des ganzen Jurabogens. Seeigel, Schnecken, Muscheln, Brachio-poden, Gastropoden: Praktisch jeder, der hier mit Kessel und Pickel unterwegs ist, wird fündig. René Beyer, der passionierte Sammler, der auch gern am Napf Gold schürfen geht und ein Faible fürs Mineralienstrahlen hat, ist sofort mit Leib und Seele bei der Sache, klopft Steine ab, schürft ohne Rücksicht auf sein Schuhwerk oder dreckige Hände im Grund und hält bald eine rund vier Zentimeter grosse und über 100 Millionen Jahre alte Muschel in der Hand. Er vergleicht sie mit den Vorlagen in der Museumsbroschüre: «Das muss eine Protocardia sein.»

Gaël, ein Museumsführer, nickt und erklärt: «Hier war einst das Meer, mit etwas Glück findet man sogar Teile von Schildkröten und Krokodilen – aber keine Dinosaurier. Die hielten sich weiter drüben auf, am Strand.» René Beyer scherzt: «Dann suche ich jetzt eine versteinerte Krokodilsträne.» Und Denis Bolzli entgegnet: «Wenn du so weitergräbst, findest du bestimmt noch ein versteinertes Uhrenband aus Krokoleder für dein Museum.»

Bei Gilberte de Courgenay

Auf dem Rückweg ist die Stimmung allgemein durstig. Weil beim Bahnhof in Courgenay gerade die Barriere unten ist, entscheidet sich Denis Bolzli spontan für eine weitere Zeitreise und parkiert vor dem legendären Hôtel de la Gare. Im Ersten Weltkrieg hatte sich hier die Wirtstochter Gilberte einfühlsam und herzlich um die Deutschschweizer Soldaten gekümmert. Diese würdigten ihre einzigartige Persönlichkeit mit dem Lied «La petite Gilberte de Courgenay». Es wurde zum Inbegriff der «Geistigen Landesverteidigung».

Natürlich stimmt Denis Bolzli das Lied bei einem Bier an, er, der einstige Wider­standskämpfer, dem Freiheit und Unab­hängigkeit wichtiger sind als alles andere. René Beyer singt mit, und es schwingt die Liebe zu seiner Herzensheimat mit: Während seiner Uhrmacherausbildung erlebte er im Jura seine wohl einzigen richtig freien Jahre, bevor er nach einem Herzinfarkt seines Vaters viel zu früh das elterliche Geschäft übernehmen musste. Es schwingt auch die Verbundenheit mit den Bolzlis mit, von denen er sagt, dass sie zu den ehrlichsten und liebenswertesten Menschen gehören, denen er je begegnet sei. Und es schwingt eine grosse Portion Schatzsucherromantik mit, wie sie heute fast nirgends mehr möglich ist. Aus-ser vielleicht im Jura. Aber auch da nur, wenn Persönlichkeiten wie die Bolzlis Regie führen.

 

Beyer und Bolzli

1910 in La Chaux-de-Fonds gegründet, spezialisiert sich Aerowatch auf Fliegeruhren und wird um 1942 zu einem weltweit führenden Hersteller von Taschenuhren. 2001 existiert Aerowatch praktisch nur noch auf dem Papier, Denis Bolzli erwirbt das Unternehmen, startet neu – und erhält Unterstützung aus Zürich: 2003 stellt Aerowatch mit der Beyer-Kollektion die ersten Armbanduhren her, seit 2004 auch unter eigenem Namen, mit renommierten mechanischen Uhr­werken und zu fairen Preisen. 2008 zieht Aerowatch nach Saignelégier. Das Familienunternehmen mit 20 Angestellten produziert rund 100 Uhren am Tag.