Beyer and partner

Am Ball

René Beyer besucht Hublot-Chef Ricardo Guadalupe – und nimmt die Herausforderung zu einem kleinen Freundschaftsspiel an.

Eine Pannenserie bei den SBB bringt das präzis geplante Programm für René Beyers Besuch bei Ricardo Guadalupe in Nyon schon am Morgen dieses strahlenden Sonnentags aus dem Takt. Die Verspätung des Zugs aus Zürich ist am Ende so massiv, dass die Visite neu gedacht und ihr Ablauf improvisiert werden muss. Das hat aber auch etwas Gutes: Der Arbeitstag beginnt mit dem Mittagessen.

Der Aperitif steht bereit, ein Chasselas, zu dem kleine Lachs-Brioches gereicht werden. Ricardo Guadalupe und René Beyer kennen sich schon lange und sind sich herzlich verbunden. Anstatt über Uhren fachsimpeln sie erst einmal über die Vorzüge einheimischen Weins, hier, auf der Domaine Château de Vinzel zwischen Jurasüdfuss und Genfersee, etwas oberhalb von Gland und unweit des Hublot-Hauptsitzes in Nyon. Bald schon dreht sich das Gespräch um die Frage: Korken oder Kapselverschluss? Die Bonvivants erweisen sich als offene und neugierige Zeitgenossen und sind sich bei hervorragenden Ravioli mit Krustentierfüllung schnell einig über die Legitimität der Kapseln für jung trinkbare Weine. Bei gelagerten Weinen aber ziehen sie den altbewährten Korkzapfen vor, allein schon wegen der zum Ritual gehörenden Geste des Entkorkens.

Gastgeber Ricardo Guadalupe wählt als Rahmen die Domaine Château de Vinzel unweit des Hublot-Hauptsitzes in Nyon – und erweist sich als offener, neugieriger Gesprächspartner.

Düstere Prognosen.

Ein leichter Hauptgang mit Fisch aus dem Genfersee wird aufgetischt, das Gespräch dreht sich um die Herausforderungen, die auf die Uhrenbranche zukommen. «Wir befinden uns in einer grossen Transformation des Kaufverhaltens», sagt René Beyer, «und dies führt nicht nur in eine schöne Richtung.» Es werde sehr wenige Detailhändler geben, die überleben, prognostiziert er. Nämlich nur solche, die schon vor Jahren oder gar vor Jahrhunderten ihre Nischen geschaffen hätten (die Chronometrie Beyer wurde 1760 von den Vorfahren des heutigen Patrons gegründet). Die Digitalisierung fordere auch von den Uhrenherstellern ein Umdenken, ergänzt Ricardo Guadalupe. Es gebe in der Branche die Tendenz zur Vertikalisierung: Die Marken kümmern sich immer mehr um alles, bis hin zur Betreuung des Endkunden. In Märkten ohne starke Detailhändler wie in China sei das sinnvoll. Ansonsten aber verfolgt der Hublot-CEO eine etwas andere Strategie: «Wir streben ein Gleichgewicht von eigenen Boutiquen und starken Partnern an. Eine Instanz wie die Beyer Chronometrie ist deshalb unverzichtbar.» Das Internet wiederum sieht Ricardo Guadalupe als einen rabatt -orientierten Parallelmarkt, den es zu bekämpfen gelte: «Je luxuriöser eine Uhr, desto weniger verkaufen wir sie online.» René Beyer und Ricardo Guadalupe verbinden nicht nur meist übereinstimmende geschäftliche Ansichten, sie tragen auch ein ähnliches Erbe. Der Hublot-CEO ist Nachfolger von Jean-Claude Biver, einem der grössten Genies der jüngsten Uhrengeschichte. Beyer wiederum ist bislang letzter Vertreter eines 260 Jahre alten Familienunternehmens. Wiegt das manchmal schwer? «Es bezahlt vor allem nicht automatisch die Miete», konstatiert Beyer. «Man muss jeden Tag beweisen, dass man der Geschichte gewachsen ist.» Guadalupes Fazit lautet: «Ich habe 25 Jahre mit Jean-Claude Biver gearbeitet. Er ist mein Mentor. Er ist einzigartig. Darum versuche ich auf keinen Fall, so zu sein wie er. Ich bin, wie ich bin, mit all meinen Qualitäten und Fehlern.»

Guadalupe und Beyer haben das Heu auf der gleichen Bühne – und überraschend viele Gemeinsamkeiten.

Gleiche Schule, gleiches Stammlokal.

Die Zeit verfliegt. Bei Käse und einem Glas «Merlot du Château de Vinzel» entdecken die Männer weitere Gemeinsamkeiten: Ricardo Guadalupe ist als Sohn spanischer Eltern in Neuenburg geboren und aufgewachsen. Den Uhrenvirus bekam er von seinem Vater eingeimpft, einem Ingenieur für Referenzzeit - und Atomuhren. Beyer seinerseits hat sieben Jahre seiner Ausbildung in Neuchâtel verbracht und bezeichnet sich «im Herzen» als Romand. Die beiden haben, mit nur zwei Jahren Unterschied, dieselbe École supérieure de Commerce» besucht. Lachend erinnern sie sich an ein Lokal, in dem sie damals, ohne sich zu kennen, wohl zeitgleich Stammgäste waren. Und an die in der Westschweiz absolvierte Militärzeit, beide waren bei der Panzerabwehr. 
Und weil man gerade so schön in Jugenderinnerungen schwelgt, braucht es keine Überredungskünste Guadalupes, um René Beyer ins Stadtion von Nyon zu locken und ihn zu einem kleinen Freundschaftsspiel Mann gegen Mann zu überreden. Das Stadion liegt direkt neben dem Hauptsitz der Uefa, die von Hublot unterstützt wird. «Das Engagement geht zurück auf die Anfänge von Hublot», erzählt Guadalupe. Als kleines Unternehmen habe man eine Sponsoringmöglichkeit gesucht, die man sich leisten konnte und die nicht schon von anderen Marken besetzt war wie Tennis oder Ski. Fussball sei vielleicht nicht der intellektuellste Sport, sagt Guadalupe, für seine Marke habe er sich aber als interessante Aktivierungsplattform erwiesen. «Wenn man Fussball mag, kann man mit ihm unglaublich tolle Erlebnisse haben.» Die Weltmeisterschaften in Südafrika und in Russland hätten Hublot jedenfalls enorm geholfen, die Bekanntheit zu steigern. «Und Hand aufs Herz», sagt Guadalupe, «viele halten Polo zwar für einen Luxussport, aber kaum jemand schaut ein Turnier. Fussball hingegen ist 90 Minuten Emotion.»

Kritische Beobachter: Die Umwälzungen im Uhrmarkt sind das Hauptthema beim Treffen von Guadalupe und Beyer

Da kicken sie also, die beiden erfolgreichen Manager, und in diesem Moment scheinen sie sich mindestens 20 Jahre jünger zu fühlen: Guadalupe, dessen Herz für Neuchâtel Xamax und Real Madrid schlägt, und Beyer, der den FC Zürich unterstützt. Mal halten sie den Ball flach, dann überraschen sie mit einem kleinen mehr oder weniger erfolgreichen Trick, und wenn sie ins Tor treffen, fühlt sich das jedes Mal an wie ein kleiner Sieg. In ihrem Beruf agieren sie zwar zweifelsfrei eleganter als auf dem Rasen des Stade Nyonnais. Aber vielleicht ist genau das ein wichtiger Teil des Erfolgs dieser beiden Männer: Dass sie den Moment leben können, sich selbst nicht immer allzu ernst nehmen – und trotzdem immer schön am Ball bleiben.

Ein Blick in die Ateliers ist ein Blick in die Zukunft: Hublot versteht es, Trends zu setzen – ob mit Kautschukbändern, speziellen Goldlegierungen oder Saphirgehäusen. Hobby-Imker Beyer begeistern aber auch die Bienenstöcke im Park.

Der Nachfolger.

Ricardo Guadalupe (54) kam in Neuchâtel als Sohn spanischer Eltern zur Welt. Nach der Schul- und Studienzeit in Neuchâtel und Los Angeles begann er seine Karriere als Product Manager bei Bulgari. 1994 holte ihn Jean-Claude Biver zu Blancpain – es folgte eine 25 Jahre lange Zusammenarbeit. Gemeinsam lancierten sie 2004 Hublot neu. Als sich Jean-Claude Biver 2012 auf den Posten des Hublot-Präsidenten zurückzog, übernahm Ricardo Guadalupe seine Nachfolge als CEO. Der Brand mit dem markanten Uhrendesign betreibt weltweit 95 Boutiquen.

www.hublot.com

Text: Marianne Eschbach
Fotos: Hans Schürmann

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