Watch atelier

Der Schlüssel zum Geheimnis

Eine gar romantische Uhr wurde im Atelier vollständig restauriert – inklusive Schlüssel zu ihrem Herzen.

Beyer Chronometrie

Der neue, dünne Schlüssel verschont das prächtige Perlmutt.

Zwei Bäume, ein Jäger, das Zifferblatt in Form einer Zielscheibe: Die feuervergoldete Bronze-Tischuhr mit Federhalter, Tintenfass und Sandfass (früher gab es keine Löschblätter zum Trocknen der Tinte) ist rund 200-jährig und stammt aus Wien. Der Besitzer des Tintenfass-Museums im luzernischen Adligenswil, Erhard Durrer, hat sie an einer Auktion ersteigert und dem Beyer-Uhrenatelier zur Restauration anvertraut.

«Das Werk im dicken Sockel wurde einmal ersetzt, man spricht von einer sogenannten Mariage», erklärt Damian Ahcin, Co-Leiter des Uhrenateliers Beyer: «Auch andere Komponenten wurden im Lauf der Zeit verändert, was typisch ist bei solchen Stücken.» Allerdings war nicht exakt gearbeitet worden: Unpräzise Bohrungen sind dafür verantwortlich, dass sich der rund 15 Zentimeter lange Schlüssel zum Aufziehen nur schräg einführen lässt. Dabei streift er den Baum und beschädigt das alte Perlmutt. Ahcin konstruierte einen neuen, dünneren Schlüssel, mit dem man die Uhr in einem besseren Winkel aufziehen kann.

Lange stand er jedoch vor einem Rätsel: Das Werk mit Spindelhemmung lief nur im ausgebauten Zustand einwandfrei, wenn es nicht mit dem Zifferblatt verbunden war. Das Problem lag also in der Übersetzung. «Ich musste sie wieder ins Lot bringen, hier einen Vierkant nacharbeiten, dort etwas Material abtragen und Schrittchen für Schritt -chen die Verzahnung korrigieren», erklärt Ahcin. «Dieser Prozess ist sehr zeitintensiv: Am Schluss müssen viele nachgebaute Teilchen einwandfrei zusammenspielen.»

Bestechend einfach: Uhrwerk im Boden des Ensembles.
Nach sorgfältiger Restauration wurde die Tischuhr mit Jäger und Zielscheibe dem Tintenfass-Museum zurückgeben, wo sie heute bewundert werden kann.

Die feuervergoldeten Gussfiguren zeigten sich dafür in gutem Zustand, die Szenerie musste bloss gereinigt werden. Deutlich aufgefrischt und heller bringt das alte Perlmutt seinen Lüster wieder zur Geltung, diesen unverwechselbaren schimmernden Glanz. Damian Ahcin zieht mit dem Schlüssel die Uhr auf, horcht konzentriert auf das Ticken und lacht: «Es ist gleich zwölf – also höchste Zeit, das Mittagessen zu jagen.»

Text: Matthias Mächler