Die Beyer Saga

Seit 250 Jahren geht die Uhrendynastie Beyer mit der Zeit: eine turbulente Familiengeschichte in 25 Kapiteln.

Familie Beyer beim Abendessen
Annette und Theodor Beyer-Wild mit Sohn René Beyer 1992

Aller Anfang.

In Dokumenten von 1760 wird erstmals ein Uhrmacher namens Beyer erwähnt.

Wanderjahre.

Ursprünglich stammt die Familie Beyeraus dem deutschen Donaueschingen im Südwesten von Baden-Württemberg, wo die Beyers als Uhrmacher und Händler tätig waren. Der 23-jährige Stephan Beyer bringt den Namen 1822 in die Schweiz: Auf seinen Lehr- und Wanderjahren arbeitet der gelernte Gross- und Kleinuhrenmacher zuerst in Basel, später in Schaffhausen beim Uhrmacher Wildberger. Dort lernt er seine spätere Frau Katharina Gärtner kennen (Kapitel 7), mit der er die Schweizer Beyer- Dynastie begründet.

Schweizer-Macher.

Katharina Gärtner zuliebe bleibt Stephan Beyer in der Schweiz und bewirbt sich 1827 um das Schweizer Bürgerrecht. Nicht in ihrem Wohnort Feuerthalen. Dort wäre es aussichtslos: Stephan Beyer ist Katholik, Feuerthalen ein reformiertes Dorf. Also versucht er es in Rheinau, dem Bürgerort seiner Verlobten, auf der anderen Seite des Rheins. Es wird auch in diesem katho- lischen Ort knapp. Die Rheinauer Gemeindeversammlung spricht sich mit 30 gegen 27 Stimmen für die Einbürgerung aus.

Die Generationen.

Matthäus Beyer
712 – um 1800

Katharina Götz
1724 – 20.12.1802

Hochzeit: 16.7.1754

Martin Beyer
1766 – 5.6.1829

Katharina Merz
21.9.1771 – 25.1.1828

Hochzeit: 2.3.1795

Stephan Beyer
1799 – 26.7.1863

Katharina Gärtner
26.7.1805 – 19.6.1864

Hochzeit: 10.9.1827

Theodor Beyer
15.10.1827 – 21.3.1870

Karoline Danioth
15.11.1831 – 19.2.1915

Hochzeit: 1853

Adelrich Beyer
20.11.1858 – 31.10.1915

Marie Valentine Meylan
6.4.1858 – 10.11.1892

Hochzeit: 26.5.1883

Anna Brügger
5.11.1864 – 19.6.1944

Hochzeit: 26.7.1894

Theodor Julius Beyer
19.4.1887 – 3.6.1952

Emilie Mathys
14.8.1900 – 7.10.1955

Hochzeit: 3.7.1922

Theodor René Beyer
20.7.1926 – 19.8.2002

Annette Wild
13.7.1933

Hochzeit: 8.7.1961

René Beyer
5.6.1963

Zermatt, Matterhorn
Die Selbstbewusste: Emilie Beyer-Mathys und Theodor Julius.

Gemischtwarenladen

In Feuerthalen gründet Stephan Beyer um 1830 eine «Uhrenmacherei und Spezerei». Spezereien sind Gewürze; und vermutlich reist der Uhrmacher auch als Händler an die Märkte der näheren und weiteren Umgebung. Noch kann die Familie von der Uhrmacherei allein nicht leben.

Auf nach Zürich!

Die Familie Beyer beweist früh ein Gespür für gute Geschäftslagen. Theodor Beyer, der älteste Sohn von Stephan Beyer, eröffnet 1860 ein Uhrengeschäft an der Niederdorfstrasse, schon damals eine der besten Lagen der Stadt. Das Haus liegt praktischerweise zwischen Niederdorfstrasse und Limmatquai: Als sich später das Geschäftsleben am Quai konzentriert, richtet Theodor Beyer seine Schaufenster einfach auf der anderen Seite ein. Ab 1863 führt Theodor Beyer das Geschäft gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Johann Gustav, man nennt sich «Gebrüder Beyer». Die Einigkeit ist allerdings von kurzer Dauer. 1867 eröffnet Johann Gustav ein eigenes Uhrengeschäft in Riesbach und Theodor Beyer ändert den Firmennamen in «Th. Beyer». 1877 erfolgt der Umzug in das stattliche neue Gebäude der Schweizerischen Kreditanstalt am Paradeplatz.

Die starken Frauen.

Man muss mit der beherztesten Ehefrau beginnen: Karoline Beyer-Danioth ist es, die 1870 die noch junge Uhrendynastie rettet. 16 Jahre zuvor hatte die Tochter einer Hoteliersfamilie aus Andermatt Theodor Beyer geheiratet, gemeinsam hatte man das Uhrmachergeschäft von Feuerthalen nach Zürich verlegt, und Karoline liess sich sogar, unüblich für eine Frau, zur Uhrmacherin ausbilden. Doch mit nur 42 Jahren stirbt Theodor Beyer. Sohn Adelrich ist erst zwölf. Aber Karoline Beyer-Danioth denkt nicht daran, aufzugeben. Sie übernimmt die Führung, baut das Geschäft aus und schafft es 1877, repräsentative Räumlichkeiten im neu erstellten Prachtsbau «Palais de Crédit Suisse» an der Bahnhofstrasse zu mieten. 16 Jahre lang lenkt sie die Geschicke der Firma. Bereits Karoline‘s Schwiegermutter, Katharina Gärtner, hatte gewusst, was sie wollte. Zum Beispiel: nach der Heirat in der Schweiz bleiben.

In seinem Einbürgerungsgesuch 1827 schreibt ihr Verlobter Stephan Beyer (Kapitel 3), er habe sich Katharina «zu Gefallen» entschlossen, das Schweizerische Bürgerrecht zu beantragen. Diese ist bereits imfünften Monat schwanger, damals nichts Ungewöhnliches.

Sie wird ihrem Mann 13 Kinder gebären, wovon nur fünf das Erwachsenenalter erreichen. Der Älteste, Theodor, wird später die Firma fortführen, die dank seiner Mutter in der Schweiz statt in Deutschland aufgebaut worden ist.

Marie Valentine Meylan hingegen reformiert die Familie. Sie ist die Schwiegertochter von Karoline Beyer-Danioth, die ihren Sohn für ein Volontariat zu Patek Philippe nach Genf geschickt hatte. Dort lernt der junge Adelrich die gleichaltrige Berufskollegin Marie Valentine kennen. Sie stammt aus einer bekannten Uhrmacherfamilie. Ihr Grossvater hatte die Meylan-Uhren gefertigt, die zu den feinsten ihrer Zeit gehörten. Die Liebe scheint im Himmel geschlossen, aber die Kirche ist dagegen. Denn Marie Valentine ist reformiert. Adelrich heiratet sie 1883 trotzdem, worauf die gesamte Familie Beyer aus der katholischen Kirche ausgeschlossen wird und zum reformierten Glauben übertritt. 1887 kommt Sohn Theodor Julius zur Welt. Er hat zwei Schwestern. Mit nur 34 Jahren stirbt Marie Valentine im Kindsbett. Adelrich heiratet nochmals und bekommt zwei Söhne: Adelrich jun. wird sich Jahre später mit seinem Halbbruder Theodor Julius zerstreiten (Kapitel 10).

Theodor Julius heiratet 1922 Emilie Mathys. Sie ist erst 22 Jahre alt, aber eine starke Persönlichkeit. Trotz kleiner Kinder hilft sie tatkräftig im Geschäft mit. Mit ihrer selbstbewussten Art ist sie der Zeit voraus und schafft sich nicht nur Freunde. Aber sie hält den Betrieb aufrecht, wenn ihr Mann in Zermatt als Gasttrompeter von Jazzorchestern auftritt. Emilie Beyer-Mathys hat ein Herz für Studenten, schenkt ihnen heissen Kaffee aus und steckt ihnen auch mal ein Zwanzigernötli zu. Sie fährt als eine der ersten Zürcherinnen Auto und präsidiert von 1931 bis 1933 die Damensektion des ACS Zürich. Auch pflegt Emilie Beyer-Mathys einen regen Austausch mit Freunden im Ausland, etwa mit dem berühmten Komponisten Franz Lehár und seiner Gattin Sophie, und schickt während der Kriegsjahre Pakete mit Kaffee, Schokolade und Butter in alle Welt.

Goldenes Handwerk.

Seit je gilt bei Beyer der Grundsatz: Gutes Handwerk will gelernt sein. Sämtliche Inhaber absolvieren eine gründliche Lehre. So schickt auch Adelrich Beyer Sohn Theodor Julius an die berühmte Uhrmacher-Schule in Genf und zu den besten Uhrmachern in London, Brüssel und Paris. 1911, mit 24 Jahren, steigt Theodor Julius ins väterliche Geschäft ein.

Preiswürdig.

Beyer lanciert einen legendären Wettbewerb und sucht den schönsten Entwurf einer Tisch-, Wand- oder Standuhr. 1200 Model- le werden eingereicht. Kein Wunder: Man schreibt das Jahr 1918, Kriegsende und Generalstreik, ein Sechstel der Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum. Die Preissumme von Beyer ist schwindelerregend hoch. 4000 Franken – das entspricht mehr als 400 Tageslöhnen eines Arbeiters.

Verstimmungen.

Ab 1915 führen zwei Brüder die Firma, genauer: zwei Halbbrüder. Theodor Julius Beyer ist der Sohn der ersten Frau von Adelrich Beyer (Kapitel 7). Adelrich Beyer jun. entstammt der zweiten Ehe. Die Zusammenarbeit funktioniert nicht. Theodor Julius führt von 1920 bis 1922 einen Prozess gegen seinen jüngeren Bruder. Darin wirft er Adelrich vor, dieser erscheine zu spät oder gar nicht zur Arbeit, und wenn, erledige er nichts Sinnvolles, halte die Angestellten mit faulen Witzen auf und richte mit seinem Lebenswandel «insgesamt grossen Schaden bei der Firma» an. Die Klage wird schliesslich zurückgezogen, die Brüder einigen sich aussergerichtlich. Adelrich lässt sich auszahlen. Theodor Julius führt das Geschäft ab 1922 allein und nennt es «Chronometrie Beyer, Zürich».

Sale!

1922 verkauft Beyer Uhren mit Preisnach- lässen von bis zu 50 Prozent, zum Teil sogar unter dem Selbstkostenpreis. Der Zürcher Uhrmacher-Verband ist verärgert und schaltet ein Inserat, in dem vor solchen Geschäften gewarnt wird. Interessantes Detail: Theodor Julius Beyer, der damalige Inhaber der Beyer Chronometrie, ist Präsident dieses angriffslustigen Verbands.

Ausserordentlicher Uhren-Verkauf
Die Beyer-Aktion sorgte für Gesprächstoff, Ärger beim Verband – und Gegeninserate.
Beyer Zürich, Bahnhofstrasse
Adelrich Beyer (rechts) mit einem Mitarbeiter um 1910 vor dem Geschäft im Gebäude der Crédit Suisse. 1927 bezog man ennet der Bärengasse neue, grössere Räumlichkeiten.
Beyer Zürich
Beyer Zürich
Beyer Zürich
Am Puls der Zeit: die Beyer Chronometrie von aussen um 1965 und innen um 1970

Neue Räume

Fünfzig Jahre lang geschäftete die Firma Beyer im «Palais de Crédit Suisse» an der Bahnhofstrasse, einem Prunkbau von Alfred Escher. Doch 1927 braucht die Schweizerische Kreditanstalt mehr Platz und kündigt den Vertrag. Das kommt Beyer nicht ungelegen. Im brandneuen Orell Füssli-Hof an der Bahnhofstrasse 31 können endlich grössere Räume gemietet werden. Beyer ist bis heute an dieser exklusiven Adresse ansässig.

Motorsport.

Nicht nur als Inhaber von Beyer und Präsident des Uhrmacher-Verbands tritt Theodor Julius Beyer in Erscheinung: Er präsidiert auch den Zürcher Motorradclub und wird später Mitglied der Sportkommission des ACS. Die Begeisterung für heisse Räder gründet in seiner Tätigkeit als Zeitmesser bei grossen Rennen, insbesondere beim Klausenpassrennen. Und beschränkt sich nicht darin: Theodor Julius Beyer ist ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, der selbst an solchen Rennen mitfährt.

Krise.

Ein trauriges Jahr für die Familie Beyer. Als Folge der Weltwirtschaftskrise muss sie 1934 ihr schönes Haus am Zürichberg verkaufen und in eine bescheidene Wohnung im Kreis 3 umziehen.

Der Wert von Freundschaft.

1936 hängt die Existenz von Beyer an einem dünnen Faden, ein Schicksal, das man während der Weltwirtschaftskrise mit vielen Firmen teilt. Der Sturz diverser Fremdwährungen, das Fernbleiben deutscher Kundschaft und die Warenentwertung machen dem Geschäft zu schaffen. Doch zahlen sich die guten und langjährigen Beziehungen aus: Banken springen ein, der Vermieter reduziert den Mietzins. Und da Beyer in der Vergangenheit Lieferanten wie Rolex und Patek Philippe in schwierigen Zeiten unterstützt hat, revanchieren sich diese nun für die Hilfe (Kapitel 25). Gemeinsam schafft man es, das Geschäft durch die schwierigen Jahre zu bringen.

Abenteuerlich.

Diese Uhr ist wahrlich weit gereist, bevor sie um 1960 in der Sammlung Beyer landet. Doch sollte es noch 50 Jahre dauern, bis mit modernsten wissenschaftlichen Techniken bewiesen wird: Der Prototyp einer Rolex Explorer war die erste Uhr auf dem höchsten Punkt der Erde. Sir Edmund Hillary trug sie bei der Erstbesteigung des Mount Everest im Jahr 1953. Die Abenteureruhr ist heute in einer Vitrine des Uhrenmuseums Beyer zu bestaunen (Kapitel 19).

Zeitzeugen.

Als Patek Philippe mit der Produktion von elektrischen Uhren beginnt, folgt ihr Beyer 1968 in diesen Branchenzweig. Die Abteilung für elektronische Zeitmessung und Akustik existiert bis 1993. Von der Treffpunktuhr im Hauptbahnhof Zürich über die Anzeigen der Forchbahn bis zur Blumenuhr am Bürkliplatz prägen Beyer-Uhren auch heute noch den öffentlichen Raum.

Kompetenz.

Über die Jahre hat sich in der Familie Beyer ein enormes Wissen über die Zeitmessung angesammelt. Auch offizielle Stellen wie das Landesmuseum greifen gern auf die Beyers zurück. 1971 reicht der Ruhm bis nach Istanbul. Theodor R. Beyer und Gattin Annette Beyer-Wild (Kapitel 24) werden ins Museum des Topkapi Palasts eingeladen, um die Uhrensammlung zu inventarisieren. Aus der Reise entsteht eine lebenslange Verbundenheit mit dem Museum und seinen Machern.

Museum.

Die private Uhrensammlung von Theodor R. Beyer ist inzwischen sehr umfangreich und das grosse Untergeschoss des Geschäfts an der Bahnhofstrasse ungenutzt. Zwei Tatsachen, eine Idee: Die Sammlung wird dem breiten Publikum zugänglich gemacht. 1971 öffnet das Uhrenmuseum Beyer im Untergeschoss seine Tore.

Generationenwechsel.

1986 erleidet Theodor R. Beyer einen Herzinfarkt. René Beyer bricht seine Lehr- und Wanderjahre in den USA ab und übernimmt die Führung des Familienbetriebs zusammen mit seiner Mutter Annette Beyer. 1996 geht die operative Leitung ganz an den damals 33-Jährigen über – und damit die siebte Generation. Beyer verordnet dem Geschäft innen wie aussen ein Total-Lifting.

Schmuckstück.

Auf Initiative von Annette Beyer führt das Familienunternehmen 1989 den Verkauf von Schmuck ein, mit grossem Erfolg. 2002 entscheidet man sich, ein eigenes Schmuckatelier aufzubauen. Seit 2003 feilen vier Goldschmiede erfolgreich an Träumen in Gold und Juwelen.

Die Schwester.

Muriel Zahn-Beyer (1964), die Schwester von René Beyer, kehrt 1994 aus den USA zurück und übernimmt im Familienbetrieb Personalwesen und Marketing. Sie entwickelt das neue Museumskonzept und die Strategie für das Schmuckatelier. 2003 verlässt sie das Unternehmen, um sich mit einer Personalagentur selbstständig zu machen. Muriel Zahn, René Beyer und Dr. Peter Max Gutzwiller bilden mit Annette Beyer als Ehrenmitglied den Verwaltungsrat der Beyer Chronometrie.

Theodor Beyer
Theodor Beyer bei der Inventur im Museum des Topkapi Palasts in Istanbul
Geschwister
Fahrstunden: Muriel und René Beyer

Die Beyer-Uhr.

Es ist erneut ein Geschäft unter Freunden: René Beyer stellt der jurassischen Uhrenmanufaktur Aerowatch bei der Reorganisation sein Know-how zur Verfügung. Im Gegenzug fertigt der Familienbetrieb Aerowatch eigenständige Beyer-Zifferblätter in unterschiedlichen Preisklassen. 2003 kommt die erste Beyer-Armbanduhr auf den Markt.

Der Lauf der Zeit.

Annette Beyer begleitete ihren Mann auf der Suche nach seltenen Uhren um den Globus, stand 15 Jahre im Geschäft und beeindruckt noch heute als Dame von Welt.

Frau Beyer, was war früher anders? Wir übernahmen das Geschäft mit roten Zahlen mitten im Krieg, als niemand Geld hatte. Und wir waren treuer: Für uns gab es nur Patek Philippe, Rolex und Chopard. Mit diesen Familien verbanden uns enge Freundschaften. Heute ist das Sortiment breiter, das Unternehmen hervorragend positioniert. Trotzdem sagen meine Kinder, es sei schwieriger, die Firma zu führen. Das Personalwesen hat sich verändert, die Uhrenmarken werden zunehmend von Managern geführt, nicht mehr von Patrons.

Welchen Luxus gönnten sich die Beyers damals, in der harten Zeit? Sie hatten sehr früh schon ein Auto, das neunzigste im Kanton Zürich. Ich fahre noch heute mit der Nummer ZH 1090. Das war bestimmt ein besonderer Luxus.

Die Beyer-Frauen waren schon immer starke Persönlichkeiten. Warum? Weil wir mussten: Entweder war Krieg, der Mann starb früh oder er interessierte sich nur mässig fürs Geschäft. Jemand musste schauen, dass es weiterging. Und wenn man im Geschäft stand, war man Frau Beyer und hatte mit Königen zu tun, mit Schauspielern und Musikern.

Oder mit Maradona – wie war er so? Völlig normal. Damals, zu seiner Glanzzeit, trainierte er mit seinem Team in Zürich. Er rief jeden Tag an, ob ich da sei, und kam dann vorbei. Er kaufte sich die «Nautilus» mit Brillanten, also eine Damenuhr. Auch seine Verlobte und ihre Mutter bekamen schöne Uhren – und seine Kollegen, die ihm gute Pässe zugespielt hatten. In acht Tagen verkaufte ich ihm zwölf Uhren.

Was gefiel Ihnen am meisten an Ihrer Arbeit? Mein Mann lief immer durch den Laden in der Hoffnung, dass ihn niemand anspricht. Ich aber liebte diese Arbeit an der Front, die Kunden aus aller Welt. Und ich denke, sie mochten auch mich. Viele brachten Geschenke mit: Blumen, Pralinen, Wein. Manche erzählten, wie sie als Kind an der Hand des Vaters in unser Geschäft kamen. Heute besuchen sie uns mit ihren Enkelkindern. Oder sie schicken jedes Jahr Neujahrskarten, wie der Jazzpianist Oscar Peterson.

Sie reisten viel mit Ihrem Mann. War das so aufregend, wies klingt? Es war oft spannend, aber manchmal auch sehr langweilig: In den Antiquariaten verschwand mein Mann sofort in der Uhrenecke und konnte dort tagelang verweilen. Mich zog es eher zu alten Spielzeugen. So kam ich auf die Puppen-Automaten, die ich leidenschaftlich zu sammeln begann und über die ich ein ausführliches Buch schrieb.

Die Uhren interessierten Sie weniger? Natürlich interessierten sie mich. Es kam auch vor, dass ich meinem Mann an einer Auktion half. Ich sagte ihm ja oft, er solle nicht alles Geld für Uhren ausgeben. Bei der berühmten «Sympathique» von Breguet getraute er sich deshalb nicht, noch höher zu gehen. Da bot ich weiter. Und machte ihm eine grosse Freude damit.

Wenn Sie nochmals am Anfang stünden, was würden Sie anders machen? Ich würde wohl alles nochmals genau gleich machen. Natürlich gehörte auch Glück dazu, dass es so gut lief. Aber wenn man positiv denkt, kann man dieses Glück auch ein bisschen beeinflussen.

Annette Beyer mit Puppen
Pflegt eine weltberühmte Sammlung mit antiken Puppen-Automaten: Annette Beyer 1983 mit der «Pianistin» (Paris 1865)

Die Uhrenmarken.

Beyer vertrat stets die besten Uhrenmarken ihrer Zeit. Aus dem 19. Jahrhundert sind nur noch Patek Philippe und IWC im Sortiment. Doch kamen hervorragende neue Marken dazu.

Ca. 1842: Patek Philippe

Die Zusammenarbeit mit Patek Philippe geht bis in die Anfangsjahre der 1839 gegründeten Genfer Manufaktur zurück. Für beide Firmen ist es die längste Verbindung überhaupt. Schon 1880 absolviert Adelrich Beyer ein Volontariat bei Patek Philippe und lernt dort seine zukünftige Frau kennen (Kapitel 7). Der heutige CEO von Patek Philippe, Thierry Stern, wiederum macht einen Stage bei Beyer. Die Zusammenarbeit ist über Generationen hinweg sehr eng und freundschaftlich, besonders seit 1932 die Familie Stern Patek Philippe übernommen hat.

1893: IWC

Die Schaffhauser Manufaktur wird 1868 gegründet. Bereits 25 Jahre später beginnt eine lange und sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit Beyer. Die Nähe von Schaffhausen zu Feuerthalen, wo die Firma Beyer in der Schweiz gegründet wurde, vereinfachte die Zusammenarbeit in den frühen Jahren.

 

1932: Rolex

Die Firma Beyer ist lange die einzige Vertretung von Rolex in Zürich und Umgebung. Man pflegt eine sehr enge Zusam- menarbeit. So entwickelt Theodor Beyer 1933 einen Vakuum-Apparat, mit dem Rolex die «erste wirklich wasserdichte Uhr der Welt» testen kann. Doch die «Oyster» besteht den Test nicht. Rolex verbessert die Uhr nochmals, bis sie auch im Beyer- Vakuum-Apparat überzeugt. Während der Kriegsjahre und bei der Auszahlung der Stiefgeschwister (Kapitel 15) erhält die Firma Beyer finanzielle Unterstützung von Rolex. Theodor Beyer wiederum gibt der jungen und in der Schweiz damals noch wenig bekannten Firma seine technischen Kenntnisse weiter und unterstützt sie in Fachkreisen und bei Privatkunden in der deutschen Schweiz.

Ca. 1932: Jaeger-LeCoultre

Die Manufaktur aus dem Vallée de Joux wurde 1833 von Antoine LeCoultre gegründet und schloss sich 1903 mit der Pariser Chronometerfabrik von Edmond Jaeger zusammen. Zahlreiche aufsehen-erregende Innovationen von Jaeger-LeCoultre sind heute im Privatbesitz der Familie Beyer und im Uhrenmuseum Beyer ausgestellt. So auch ein berühmter Weltrekord: die kleinste Uhr, die jemals produziert wurde.

1984: Breguet

Breguet und Beyer sind sich schon lange nah. Zusammen mit der gesamten Uhrenbranche atmet auch die Beyer Chronometrie auf, als Nicolas G. Hayek die Traditionsfirma in seine Swatch Group integriert und ihr zu neuer Blüte verhilft.

1984: Breitling

Breitling misst der Werkqualität besondere Bedeutung zu und garantiert auch in schwer kalkulierbaren Extremsituationen Zuverlässigkeit, Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Das ist ganz im Sinne der Beyer Chronometrie, die sich mit der Besitzerfamilie Schneider sofort blendend versteht und später zahlreiche spektakuläre Kundenanlässe durchführt.

1997: Baume & Mercier

Nichts durchgehen lassen und nur Uhren von höchster Qualität produzieren: Diese Devise der Gebrüder Baume gilt in den Ateliers von Baume & Mercier im Schweizer Jura bis heute. Die lässige Eleganz und wertvollen Materialien fanden Anklang bei Beyer und ergänzten das Sortiment.

2006: Hublot

Aus einer Freundschaft wird eine Partnerschaft: Jean-Claude Biver übernimmt Hublot, baut die Marke um und ebnet damit den Weg für eine intensive Zusammenarbeit mit Beyer.

2006: Jaquet Droz

Jaquet Droz ist die jüngste Marke im Beyer-Sortiment, obwohl es die Manufaktur seit 1738 gibt. Heute tickt in all ihren Uhren ein mechanisches Automatik-Kaliber mit doppeltem Federhaus, das über eine 68-stündige Gangreserve verfügt. Um die prägnanten Zifferblätter in Szene zu setzen, lässt Jaquet Droz eine altehrwürdige Kunst aufleben – das Emaillieren im «Grand Feu».

Frau Beyer, was war früher anders? Wir übernahmen das Geschäft mit roten Zahlen mitten im Krieg, als niemand Geld hatte. Und wir waren treuer: Für uns gab es nur Patek Philippe, Rolex und Chopard. Mit diesen Familien verbanden uns enge Freundschaften. Heute ist das Sortiment breiter, das Unternehmen hervorragend positioniert. Trotzdem sagen meine Kinder, es sei schwieriger, die Firma zu führen. Das Personalwesen hat sich verändert, die Uhrenmarken werden zunehmend von Managern geführt, nicht mehr von Patrons.

Welchen Luxus gönnten sich die Beyers damals, in der harten Zeit? Sie hatten sehr früh schon ein Auto, das neunzigste im Kanton Zürich. Ich fahre noch heute mit der Nummer ZH 1090. Das war bestimmt ein besonderer Luxus.

Die Beyer-Frauen waren schon immer starke Persönlichkeiten. Warum? Weil wir mussten: Entweder war Krieg, der Mann starb früh oder er interessierte sich nur mässig fürs Geschäft. Jemand musste schauen, dass es weiterging. Und wenn man im Geschäft stand, war man Frau Beyer und hatte mit Königen zu tun, mit Schauspielern und Musikern.

Oder mit Maradona – wie war er so? Völlig normal. Damals, zu seiner Glanzzeit, trainierte er mit seinem Team in Zürich. Er rief jeden Tag an, ob ich da sei, und kam dann vorbei. Er kaufte sich die «Nautilus» mit Brillanten, also eine Damenuhr. Auch seine Verlobte und ihre Mutter bekamen schöne Uhren – und seine Kollegen, die ihm gute Pässe zugespielt hatten. In acht Tagen verkaufte ich ihm zwölf Uhren.

Was gefiel Ihnen am meisten an Ihrer Arbeit? Mein Mann lief immer durch den Laden in der Hoffnung, dass ihn niemand anspricht. Ich aber liebte diese Arbeit an der Front, die Kunden aus aller Welt. Und ich denke, sie mochten auch mich. Viele brachten Geschenke mit: Blumen, Pralinen, Wein. Manche erzählten, wie sie als Kind an der Hand des Vaters in unser Geschäft kamen. Heute besuchen sie uns mit ihren Enkelkindern. Oder sie schicken jedes Jahr Neujahrskarten, wie der Jazzpianist Oscar Peterson.

Sie reisten viel mit Ihrem Mann. War das so aufregend, wies klingt? Es war oft spannend, aber manchmal auch sehr langweilig: In den Antiquariaten verschwand mein Mann sofort in der Uhrenecke und konnte dort tagelang verweilen. Mich zog es eher zu alten Spielzeugen. So kam ich auf die Puppen-Automaten, die ich leidenschaftlich zu sammeln begann und über die ich ein ausführliches Buch schrieb.

Die Uhren interessierten Sie weniger? Natürlich interessierten sie mich. Es kam auch vor, dass ich meinem Mann an einer Auktion half. Ich sagte ihm ja oft, er solle nicht alles Geld für Uhren ausgeben. Bei der berühmten «Sympathique» von Breguet getraute er sich deshalb nicht, noch höher zu gehen. Da bot ich weiter. Und machte ihm eine grosse Freude damit.

Wenn Sie nochmals am Anfang stünden, was würden Sie anders machen? Ich würde wohl alles nochmals genau gleich machen. Natürlich gehörte auch Glück dazu, dass es so gut lief. Aber wenn man positiv denkt, kann man dieses Glück auch ein bisschen beeinflussen.

Text: Claudia Walker, Monika Leonhardt, Barbara Klingbacher und Matthias Mächler

Beyer Chronometrie