Beyer Clock and Watch Museum

Die «Swatch» von 1867

Etwas mehr als 100 Jahre vor der Swatch gab es bereits eine berühmte Schweizer Volksuhr: Die «Prolétaire» von Georges Frédéric Roskopf stellte die Welt auf den Kopf.

Beyer Chronometrie

Genialer Vordenker: Georges Frédéric Roskopf (1813–1889).

Im Uhrenmuseum Beyer ist eine Roskopf-Taschenuhr mit Stoppvorrichtung ausgestellt (um 1905). Das Zifferblatt aus Email zeigt eine kombinierte 12er- und 24er-Einteilung. Diese Ausführung war vor allem beim Bahnpersonal beliebt: Die Zeiten ab Mittag konnten zum Beispiel mit 16 oder 22 Uhr abgelesen werden. Der Gehäusedeckel ist inwendig mit Original Watch Paper ausgekleidet. Das Messingwerk funktioniert mit einer Stiftankerhemmung.

Auf den ersten Blick ist sie leicht zu übersehen in ihrem schlichten Kleid, dem matt glänzenden Gehäuse und mit dem verlegenen Lächeln im Gesicht – einige ihrer Mitstreiterinnen haben an Glamour deutlich mehr zu bieten. Auf den zweiten Blick (in die Geschichtsbücher) ändert sich das Bild: Die «Prolétaire» entpuppt sich als Dame von Welt und als Retterin des einfachen Arbeitervolks. In der Schweiz, ihrer Heimat, sprach man zwar meist nur hinter vorgehaltener Hand und oft etwas herablassend von ihr. Ennet den Grenzen allerdings eroberte sie die Herzen im Sturm. Doch der Reihe nach.

Georges Frédéric Roskopf kam 1829 aus dem deutschen Lörrach nach La Chaux-de-Fonds, um Französisch zu lernen. Er begann eine Kaufmannslehre bei F. Mairet & Sandoz, einem Händler für Uhrenteile, entschied sich aber bald, in eine Uhrmacherlehre zu wechseln. Dank der Heirat mit der vermögenden Witwe Françoise Lorimier war er schon als junger Uhrmacher in der Lage, eine eigene Etablisseur-Werkstatt einzurichten. Ab 1835 fertigte er vor allem Uhren für Belgien und Nordamerika. Nach dem verheissungsvollen Start liefen die Geschäfte zunehmend schlechter, nach 15 Jahren musste Roskopf seine Werkstatt verkaufen. 1856 gründete er mit Sohn Fritz Edouard und dem bekannten Uhrmacher Henri Edouard Gindraux die Firma Roskopf, Gindraux & Co. Aber auch dieser Partnerschaft war kein Erfolg beschieden, sie hielt gerade mal zwei Jahre.

Gerade mal 57 Einzelteile.

Wieder auf sich selbst gestellt, träumte der begnadete Uhrmacher und Visionär von einer Uhr «für jeden Geldbeutel» und überlegte, wie sich die hohen Material- und Fertigungskosten senken liessen. Statt für ein teures Goldgehäuse entschied er sich für Neusilber, eine Nickel-Kupfer-Zink-Legierung. Zudem sollte die Uhr mit einer einfacheren Konstruktion als bei herkömmlichen Modellen und mit einer speziellen Variante der Stiftankerhemmung funktionieren. Die Idee jedoch, ein Zifferblatt aus weissem Karton oder strapazierfähigem Papier herzustellen, verwarf er wieder. Trotz deutlich weniger Bestandteile als üblich sollte die Uhr so hochpräzise laufen wie ein Chronometer – und genau 20 Franken kosten. Das entsprach dem Wochenlohn eines Arbeiters.

Roskopf tüftelte, konstruierte und verhandelte mit Lieferanten von Teilfabrikaten. Nach amerikanischem Vorbild wollte er den Herstellungsprozess seiner Uhr mechanisieren und standardisieren. Und dann kam der grosse Tag: Die «Prolétaire», die Georges Frédéric Roskopf 1867 an der Weltausstellung in Paris präsentierte, hatte gerade mal 57 Einzelteile statt der sonst üblichen mindestens 160. Sie war technisch hervorragend gefertigt und preisgünstig. Die Jury der Weltausstellung war entzückt und ehrte Roskopfs Schöpfung mit einer Bronzemedaille.

Im Expertenkomitee sass einer der angesehensten Uhrmacher jener Zeit: Louis Clément Breguet, der Enkel des berühmten Abraham Louis Breguet. Er begeisterte sich dermassen für die «Volksuhr», dass er nicht nur einen lobenden Brief an die «Société d’Encouragement pour l’Industrie Nationale en France» sandte, sondern gleich eine Reihe an Bestellungen bei Roskopf in Auftrag gab. Das Vertrauen, das Breguet in die Uhr und ihren geistigen Vater setzte, löste einen wahren Ansturm auf «La Prolétaire» aus.

Die Roskopf-Uhren wurden bald von verschiedenen Manufakturen in Lizenz produziert und von anderen Herstellern kopiert und damit weltweit in unterschiedlichen Qualitäten vertrieben. 1874 gab Roskopf sein Unternehmen an die Firmen Wille Frères und Charles-Léon Schmid in La-Chauxde-Fonds weiter und erhielt bis zu seinem Tod 1889 pro verkauftem Exemplar 50 Rappen. Der gesamte Verkaufserlös der Patentuhren wird bis 1947 auf 50 Millionen Franken geschätzt.

Rustikal und doch elegant: Den Staubdeckel ziert ein gepresstes Relief.

«Roskopf»-Boom nach dem Krieg.

Im Zuge des industriellen Aufschwungs wurden zuverlässige preiswerte Uhren auch als Firmengeschenke ein Thema. So verteilte die Eidgenössische Eisenbahndirektion 1910 an Bahnhofsvorsteher hochpräzise Zenith-Modelle und an tiefergestelltes Personal die «Roskopf». Über ein halbes Jahrhundert wurde «La Prolétaire» stetig weiterentwickelt, immer flacher und mit verschiedenen Komplikationen wie Wecker, Repetierwerken, Chronograf oder Datumsanzeigen ausgestattet. Dennoch blieb sie preiswert und erschwinglich für fast jeden Geldbeutel. In der Nachkriegszeit kam es gar zu einem regelrechten «Roskopf»-Boom: Die Uhren hatten einen ähnlichen Status wie die Swatch in den 1980er- und 1990er-Jahren. Dank ihrer modischen Aufmachung und ihrem Preis galten sie als ideale Wegbereiter für die um einiges teurere Qualitätsuhr. Trotzdem waren sie bei Uhrenkennern in der Schweiz eher verpönt: Die Chronometrien öffneten nur widerwillig die untersten Schubladen, um einem interessierten Kunden eine «Roskopf» zu präsentieren.

Die Erfolgsgeschichte der «Prolétaire» versiegte mit dem Siegeszug der billigen Quarzuhren in den 1970er-Jahren. Wie viele andere mechanische Uhren verschwand sie allmählich vom Markt. Mit der Firma Baumgartner Frères aus Grenchen ging 1982 die letzte Roskopf-Manufaktur in Konkurs. Georges Frédéric Roskopf bleibt als genialer Vorreiter der industriellen Entwicklung in der Schweizer Uhrmacherei in Erinnerung. Und als Visionär, dessen Idee etwas über 100 Jahre später als Swatch eine fulminante Renaissance feierte.

Text: Monika Winkler