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Früchte einer Passion

Was bewegt den Menschen zum Sammeln? Und worauf gilt es zu achten? René Beyer trifft E. Paul Scheidegger – und entdeckt eine neue Welt.

WER: 
ené Beyer und der Uhrensammler Dr. med. E. Paul Scheidegger, Dermatologe und Mitgründer von OnlineDoctor.ch .

WO:
m Schweizer Wasserschloss in Brugg, wo Reuss und Limmat in die Aare fliessen.

WIE:
Auf dem Boot und auf der Veranda des über 180-jährigen Fischerhauses von Scheideggers Kiwanis- Club-Freund Markus Klöti.

WARUM:
Um über das Sammeln zu reden – und über die Faszination Zeit.

WANN:
m Gründonnerstag, einem berauschend warmen Frühlingnachmittag.

Scheidegger ist zwar kürzlich sechzig geworden. Trotzdem darf man ihn als jungen Sammler bezeichnen. Denn es ist keine fünf Jahre her, dass der Digitalfanatiker und Tech-Investor in ein für ihn gänzlich neues Universum eintauchte – in das der mechanischen Uhr. Auf der Veranda eines sonnenversengten Fischerhauses über der Aare erzählt er seine Geschichte als Ouvertüre zu diesem Nachmittag, der für alle Beteiligten eindrücklich verlaufen wird.

Diese Geschichte geht so: Nach dem Tod seines Vaters fand Paul Scheidegger in dessen Tresor eine goldene Taschenuhr. Er klappte sie auf, drehte die Krone und staunte, dass sie einwandfrei funktionierte. «Sie musste sehr lange im Dunkeln gelegen haben», sagt Scheidegger. «Denn niemand in der Familie wusste von ihr.»

Dass Patek Philippe zu den besseren Uhrenmarken gehört, war ihm geläufig, doch beschäftigten ihn damals andere Dinge. Also vertraute er die Uhr dem Auktionshaus Ineichen an. «Ich wollte aufräumen, verarbeiten, abhaken.» Trotzdem begann es ihn wunderzunehmen, was es mit der Uhr auf sich hat. Er las sich ein und begriff schnell: Er musste seine Affekthandlung unbedingt korrigieren und die Uhr zurückkaufen (was ihm – mit zehn Prozent Aufschlag – tatsächlich gelang). Er brachte sie zu Beyer, um ihre Geschichte recherchieren zu lassen. Was dabei herauskam, berührte ihn zutiefst.

DER WERT DER EIGENEN ZEIT

Die Uhr hatte vor knapp hundert Jahren die Schweiz Richtung Kanada verlassen müssen – zusammen mit Scheideggers Grossvater: Seine Geliebte war in Erwartung, man war nicht verheiratet. Grund genug, dass aus der geplanten Übernahme der elterlichen Seidenfabrik in Wädenswil nichts wurde. Paul Scheideggers Mutter wuchs also in Kanada auf, hier lernte sie ihren Mann kennen, gebar einen Sohn. Die Taschenuhr, als solche längst aus der Mode gekommen und auf den ersten Blick unspektakulär, geriet in Vergessenheit – bis Scheidegger sie aus dem Tresor fischte. «Heute trage ich sie jeden Tag» sagt er. «Sie ist mein Glücksbringer, meine Verbindung zu meinen Vorfahren – und ein wichtiger Grund, warum ich dem Sammeln von Zeitmessern verfallen bin. Das Zusammenspiel von Kunst, Form und überprüfbarer Funktionstüchtigkeit fasziniert mich inzwischen schon fast auf irrationale Weise.»

Wenn einer diese Obsession versteht, dann René Beyer, bei ihm ist sie genetisch verankert. «Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals nicht gesammelt zu haben», sagt er. Dass jemand eher spät zu dieser Leidenschaft findet, sei sicher nicht die Regel, aber umso wertvoller: «Dann ist es ihm wirklich ernst damit. Die Befriedigung beim Sammeln bekommt eine besondere Tiefe.» Allerdings passiere eine späte Initialzündung selten aus dem Nichts heraus, führt René Beyer aus: Oft ebne ein Ereignis den Weg, das einem den Wert der eigenen Zeit bewusst mache.

Tatsächlich stand auch bei Paul Scheidegger ein tragisches Ereignis am Anfang einer Sensibilisierung für das Thema: Seine Frau verstarb mit nur 48 Jahren an einem Hirntumor und hinterliess ihm drei Kinder. Der dynamische Macher, der in Rekordzeit das Medizinstudium absolviert hatte, exzessiv Sport trieb und nie genug Projekte aufs Mal unter einen Hut bekommen konnte, musste gänzlich neu mit der Zeit umgehen lernen. Er heiratete ein zweites Mal, seine heutige Frau brachte weitere drei Kinder in die Ehe mit: Man lebte zu acht unter einem Dach. Als Digitalisierer der ersten Stunde vertraute Scheidegger damals noch seiner Apple Watch, die aber immer wieder Updates benötigte und nach zwei, drei Jahren entsorgt werden musste: «Dann hältst du plötzlich eine hundertjährige Uhr in der Hand, ziehst sie auf, und sie läuft, als wäre sie gestern gebaut worden. » Scheidegger schaut über die Aare und sagt: «Ich war wie paralysiert.» 

 

«EINE SPÄTE INITIALZÜNDUNG PASSIERT SELTEN AUS DEM NICHTS HERAUS.»

GESCHICHTEN HINTERLASSEN

Die Uhr seines Grossvaters blieb nicht lange allein: Mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der er seine medizinischen Projekte zum Erfolg führte, folgte er seiner Faszination für Uhren quer durch die Jahrzehnte und hält noch heute jedes Detail, jede Messung, jede Erkenntnis akribisch in einem Buch fest. Dort steht auch, welches der sechs Kinder dereinst welche Uhren erhalten wird: «Ich möchte ihnen nicht einfach Geld hinterlassen, sondern Geschichten, Erinnerungen, ein Stück Leidenschaft », sagt er. René Beyer nickt: «Wichtig beim Sammeln ist immer auch ein Plan, was dereinst mit den Objekten passieren soll.» Ansonsten, findet René Beyer, müsse eine Sammlung vor allem ihrem Sammler im Hier und Jetzt Freude bereiten.

Wenn man beobachtet, wie zärtlich Paul Scheidegger über den Deckel der grossväterlichen Uhr streicht, wie er mit dem Fingerspitzengefühl des Dermatologen ihre besondere Bürstung wahrnimmt, diese weiche und doch charakteristische Struktur, die man heute neu gar nicht mehr hinkriegt, dann hat man keinen Zweifel, dass seine Uhren es gut bei ihm haben. Er würde auch nie mit ihnen handeln oder sie gegen wertvollere Stücke eintauschen: «Meine Uhren sind Teil meiner Geschichte: Wenn es mal eine zu mir geschafft hat, dann bleibt sie auch.» 

Sind die mechanischen Kunstwerke denn quasi ein Gegenentwurf zu seinem digital geprägten Alltag? Scheidegger lacht: «Die digitale Welt kann den Menschen nicht befriedigen, am Ende des Tages brauchst du Berührungen!» Die Welt sei heute eine hybride: Das Internet habe vieles einfacher gemacht, insbesondere die Recherche. «Umso wichtiger aber sind Häuser wie Beyer, wo man diese Objekte physisch erleben und sich mit Fachleuten über sie unterhalten kann.»

«DIE DIGITALE WELT KANN DEN MENSCHEN NICHT BEFRIEDIGEN. AM ENDE DES TAGES BRAUCHST DU BERÜHRUNGEN!»

 

Dann brechen sie auf, nehmen auf dem Schnellboot Platz, lassen sich durchs Wasserschloss chauffieren – und vergessen die Zeit. Die naturbelassenen Uferzonen, die wilden Auen und Inseln und die ruppigen Wasserläufe erinnern René Beyer an seine zweite Heimat, Alaska, wo er ein Haus besitzt, das er schon viel zu lange nicht mehr aufsuchen konnte. «Ich kannte das Wasserschloss vorher nur vom Hörensagen», sagt er. «Ich bin tief beeindruckt von dieser für mich neuen Welt so nah bei Zürich!» Die grandiose Natur schätzt auch Paul Scheidegger, der in Kanada aufwuchs und in Brugg durch seine Ehefrauen eine neue Heimat gefunden hat. Er nutzt sie wieder täglich für Sport. Nach anderthalb Stunden legt das Boot beim alten Fischerhaus an, die beiden Männer wirken entspannt, als hätten sie eine Yogastunde hinter sich. Bei einem Glas Weisswein reden sie noch lange über die Facetten der Zeit und ihre Messinstrumente. Dann verabschieden sie sich mit einer herzlichen Umarmung und mit dem Versprechen, sich bald im Uhrenmuseum Beyer zu treffen, um dort vielleicht sogar die eine oder andere Uhr in die Hand zu nehmen – und sich von den Objekten und ihren Geschichten berühren zu lassen.

Beyer Chronometrie